Aufgeschlagenes Buch mit expressiver Illustration, Kapitel Leonardo in Florenz 1504–1505

Foto: Frank Zöllner, Leonardo da Vinci 1452–1519. Sämtliche Gemälde und Zeichnungen. Taschen Verlag

Sammelband

Berlin am Meer. Eine Stadt in ihrem Element B&S Siebenhaar Verlag

Markus Orschiedt ist einer von fünf zeitgenössischen Autoren dieses ungewöhnlichen Lesebuches — ein Kompendium literarischer Texte von Joseph Roth bis Vladimir Nabokov über Berlin und seine Wasserwelt.

Markus Orschiedt ist einer von fünf zeitgenössischen Autoren dieses ungewöhnlichen Lesebuches. Es ist ein Kompendium literarischer Texte, von Joseph Roth, Theodor Fontane über Brecht, Benjamin, Mascha Kaléko bis Vladimir Nabokov. Berlin und seine Umgebung sind geprägt von Flüssen, Seen, Kanälen und Häfen. So wie die Stadt selbst in einer kontinuierlichen Fließbewegung ist. Orschiedt verfasste den Beitrag „Ithaka oder Auf der Suche nach dem privaten Paradies". Er behandelt eine Fantasie über das Wasser, die Stadt und deren stille Seite zwischen Ost und West aus der Sicht eines Seglers auf dem alten Mahagoni-Kreuzer „Krause Gnahb", der wiederum eine Referenz auf Thomas Pynchons Roman „Die Enden der Parabel" ist.

Nachtreisen

Auf nach Aqaba Mixology

Rhapsodischer Roadtrip durch Israel und Jordanien: zwischen Raketenalarm in Tel Aviv, dem sterbenden Toten Meer und Uri Buris legendärer Fischküche in Akko.

Tel Aviv – Lebenslust im Labyrinth der Jahrhunderte

Tel Aviv. Die weiße Stadt der Bauhaus-Pioniere. Blätternde Farbe, Risse, bröckelnder Putz. Salzig-mediterrane Tribute. Das Zentrum eine Trambahn-Baustelle, Gräben, Zäune, Stau. Allenby Street. Craft Beer auf der Dachterrasse des kleinen Boutique-Hotels Assemblage. Der blaue Saum des Mittelmeers am Horizont. Die Menschen in den Straßen in routinierter Geschäftigkeit. Cafés bis auf den letzten Platz belegt. Hier und da die gelben Schilder Bring them Home. Kleine Demos und Mahnwachen gegen die Regierung. Kein Militär, kaum Polizei zu sehen – ein Land im Krieg? Ja! Am nächsten Morgen Raketenalarm. Ab jetzt bleiben neunzig Sekunden bis zum Einschlag. Zu spät für den Schutzraum, wir suchen den Himmel nach dem gleißenden Geschoss ab. Einschlag am Flughafen. Die Proxys aus dem Jemen haben ihr Terrorarsenal abgefeuert, zweitausend Kilometer entfernter ballistischer Mullah-Hass im Parabelflug.

In Jaffa, der alten Stadt auf dem Hügel, wo abgewetzte Steinstufen ins Labyrinth der Jahrhunderte führen, mischen sich Meer und Kreuzfahrerstaub. Katzen streichen durch verwinkelte Gassen, als wären sie die letzten Erben irgendeines halbvergessenen Imperiums für aristokratische Anarchisten. Unten schaukeln Fischerboote im Hafen, während auf den Stegen die digitalen Nomaden, Touristen und alte Männer nebeneinandersitzen – alle mit Geschichten, die noch erzählt werden müssen. Immer wieder das Gelb: Bring them Home.

Von den ausgetretenen Steinen vergangener Zeiten in das flirrende Jetzt. Die Strandpromenade ist ein Laufsteg der Stadt. Beachtennis, Volleyball, Körperkult am Strand. Die Wellen davor ein atmender Organismus. Die Bars an der Promenade sind übervoll, als hätte jemand das Nachtleben tagsüber eingeschaltet. Musik, Stimmen, Gelächter – ein Cocktail aus hundert Sprachen zwischen Wein, Bier, Hummus und Longdrinks. Dann Florentin. Noch verschlafen. Roh, schön, verbeult und schief. Andere Uhren. Kreuzberg im Süden. Hinterhöfe mit Ateliers, hippe Cafés, Werden und Vergehen. Aber anders als in Kreuzberg eine Ahnung des Möglichen, der kreativen Energie. Für den fremden Flaneur verströmen die Brüche eine Ahnung von Daseinsfreude, selbst ganz ohne Nacht.

Imperial Craft Cocktail Bar: »Find what you love and let it kill you«, lautet hier die Devise mit Charles Bukowski. Zwei Platin-Grazien erheitern mit Kaskaden von Duckfaces-Selfies und Drinkporn-Fotos für die Follower. Die Bar ist ein internationaler Klassiker seit Jahren und eine Oase, die den Unterschied zwischen sinnlichem Rausch und Trunkenheit lehrt. Den Flaneur zieht es zu einem perfekt in der Balance gehaltenen Boulevardier, dazu gesellt sich einer der Signature Drinks: ein erfrischend-eleganter Mix aus Sauvignon Blanc, Pisco, Rhum Agricole, Birne, frischem Thai-Ingwer, Bitters und Tonic – »Re:Construction«. Ein Name wie gemacht für diese kleine Bar von Extraformat. Ein paar Schritte weiter, tiefer in die Stadt hinein – die Seitenstraßen um die Allenby Road und Carmel Markt. Hier pulsiert Tel Aviv im Mainstreambeat. Breitere Bürgersteige vor den Restaurants in Reihe. Kleine Bars. Menschenmassen okkupieren die Straßen und letzten Sitzplätze, rasende, hakenschlagende Essenskuriere auf monströsen E-Bikes, Haschisch- und Biernebel. Überhaupt riecht es nach Leben, Lust und Hunger. So ist diese Stadt: heiß, rau, pulsierend. Tel Aviv, vor hundert Jahren gegründet, empfängt nicht; es überrollt den Besucher immer wieder auf eine andere Art.

Machtesch Ramon: Geologische Urgewalt

Terminal 3, Airport Tel Aviv, ist wieder frei. Da, wo die Autovermietungen rumgaunern. Noch ein anderes Problem ist verraucht. Die tagelang wütenden Waldbrände entlang der Autobahn nach Jerusalem sind gelöscht. Zig Existenzen von Bauern und Winzern vernichtet, auch arabische Israelis im Dasein bedroht. Verdorrte Aschelandschaften, wie nach einem Lahar. Glutnester, viel Polizei. Brandstiftung. Auf nach Jerusalem, Eure Heiligkeit. Hinein in Sand und Geröll, zu einer geologischen Sensation. Die Straße zieht sich durch die Negev wie ein silbernes Band, flimmernd am Horizont. Wüste in all ihren erdigen Tönen. Einsam, aber nicht ganz leer. Hin und wieder ein Auto, ein quertrotziger Baum, Gedanken. Plötzlich ein Ort: Machtesch Ramon. Riesiger, steilwandiger Erosionskrater. Eine gigantische Mulde, die Blicke verschluckt. Geschliffen von Wind und Zeit. Ocker, Karmesin, Schwefelgelb. Schulklassen, einsame Tracker, Kiffer hinter der Absperrung am Abgrund. Ein Geo-Offenbarungseid der Endlichkeit. Der Urgewalt, die alles formt und alles wieder nimmt. Nicht diesen Moment.

Es ist das Licht! Das Licht der Abendsonne, das die Schluchten am Rande der Negev-Wüste hinunterrast. Wir in seinem Sog. Die rostroten, zerklüfteten Berge geben nach jeder spitzkehrigen Wendung kurz den Blick frei auf das tief unten gelegene Rote Meer. Auf Eilat und Aqaba. Aqaba, den sechstausendjährigen Mythos einer Stadt. Das Tor zum Wasser und zur Magie der jordanischen Landschaften. Der Ruf Arabiens. Das Echo von Tradition und Vergänglichkeit. Hier hat vor beinahe hundert Jahren das Osmanische Reich einen vernichtenden Schlag erhalten, der dessen Untergang beschleunigt hat. Dort, in Aqaba, ist ein Mann zur Legende geworden, der eigentlich auf der falschen Seite stand. Ein Brite, gewandet in die kühlende, traditionelle Tracht Thawb, mit langer Abaye und Kopftuch. Ein Kolonisator an der Spitze der arabischen Revolution gegen die verhassten Osmanen.

Aber die Zeit rast noch schneller als die Sonne. Der heraufziehende Abend zwingt zur Etappe in Eilat, am anderen Ufer des Roten Meeres. An der richtigen Stelle und bei gnädigem Himmel gelingt die Sicht auf Jordanien, Ägypten und Saudi-Arabien in einem Moment. Ein Beduine mit prächtig geschmücktem Kamel. Hinter ihm ein Schild mit der Verkündung: Meereslinie null. Kognitives Fotomotiv. Ein Restaurant im Hafenviertel: Last Refugee. Weißer Wein aus der riffkalkigen, unbequemen Schönheit der Karmel-Berge, gegrillter Fisch, Seemannslametta an den Wänden, Panoramazoom auf die ersten Lichter von Aqaba. Wenn die Dämmerung kommt, färben sich die Berge in Lavendel- und Mahagonitöne und die Felsen werfen lange Schatten, die über die Ebene streifen wie nächtliche Jäger.

Heiliger Szeneverdacht

Yad Vashem. Inzwischen ein Gigant. Hineingehauen in den Berg des Gedenkens. Campus der Zukunft. Erinnerung, Archiv, Wissenschaft, Bildung, Galerie, Allee der Gerechten unter den Völkern. »Wer uns als reinen Ort der Mahnung und des Gedenkens sieht, greift zu kurz. Wir sind eine akademische Institution, die einen Forschungs- und Bildungsauftrag hat, und zugleich vermitteln wir die reichhaltige jüdische Kultur«, erklärt Haim Gertner, Direktor des Yad-Vashem-Archivs. Tote Juden gehen klar, Gedenktage und Phrasenhochamt. Hier aber kommen jährlich über eine Million Besucher, ein dunkelhelles Areal des jüdischen Volkes. Lebende Juden, die sich wehren und forschen, was die Welt ihnen zu bieten hat, außer Vernichtungswollen.

Der Garten Gethsemane liegt wie eine Atempause zwischen Olivenbäumen und der dampfenden Stadt. Vorbei an riesigen Gräberfeldern windet sich der steile Weg bergan. Die Zeit dehnt sich. Plötzlich die Plattform am Ölberg. Gespräch mit einem alten Araber über die Weltläufe. Hat mal in Bremen gelebt. Der Blick geht hinüber und hinunter zur Altstadt. Jerusalem, dieses widersprüchliche, steinerne Wimmelbild. Hier oben nur Stille, Sonne und Wind. Tempelberg. Die goldene Kuppel des Felsendoms glüht. Erinnerungen, Glaube, Krieg, Hoffnung. Abstieg. Durch das Löwentor in die Altstadt. Alte Bilder tauchen wieder auf. Die Händler in ihren Souvenirgeschäften, die kleinen Restaurants sind mit in die Jahre gekommen. Inzwischen ist der Zugang zur Klagemauer ein Hochsicherheitsparcours. Ein hell gepflastertes Plateau, gerahmt von Mauern, Bibel, Kämpfen und Ewigkeit. Lautstarke Bar-Mizwa-Feier an einem Ende. An der Mauer, Geschlechter voneinander getrennt, Gespräche mit Gott, der Vergangenheit und den Wünschen der Zukunft. Ein Gefühl der Fremdheit. Myriaden von Wunschzetteln stecken in den Ritzen der mächtigen Quader des zerstörten Tempels. Gefaltete Bitten, gequetschte Träume. Die wogenden Oberkörper der Orthodoxen wirken, als wollten sie ihre Frömmigkeit in die Steine hineinkneten. Via Dolorosa. Das dort anhöhige österreichische Hospiz ist legendär. Für seine Terrasse über der Altstadt und das beste Wiener Schnitzel jenseits von Wien. Ruhetag. Über das Damaskustor wieder in die Weltlichkeit. Am Jehuda-Markt Szeneverdacht im Ishtabach.

Die Filmbilder müssen heruntergespült werden. Das minimalistisch gehaltene kurdisch-syrische Restaurant ist berühmt für sein Shamburak. Und für »Moscow«, rotes, würziges israelisches Bier vom Fass. Noch ein Sixpack im koscheren Späti, Nacht im arabischen Viertel.

Totes Meer. Wo?

Das nervöse Jerusalem bleibt zurück. Hinab in den heißen, salzigen Schlund der Erde. Das Tote Meer ist der tiefstgelegene, von Land zugängliche Punkt der Erde. 430 Meter unter dem Meeresspiegel. Die Serpentinen fressen die Höhenmeter. Das zerfurchte judäische Bergland baut sich auf. Karg, zerrieben, lunar. Die Vegetation so sparsam wie eine Komposition von Luigi Nono. Staub tanzt am Horizont, während sich die Straße durch die Landschaft schneidet wie durch Pergament. An Qumran vorbei, in dessen Höhlen nach bald zweitausend Jahren die geheimnisvollen biblischen Schriftrollen entdeckt wurden. Abzweig nach Süden, im Rücken ächzender Schwerlaster. Da, das Tote Meer. Es ist winzig geworden. Und doch zu schwer, um sich zu bewegen. Jadefarben, silbrig? Kein Ufer zu entdecken. Der alte Strand vertrocknet, nur die gefährlichen Senklöcher sind noch da. Ein alter, gelber Plastikstuhl des vergangenen Bades liegt achtlos und verlassen am kaum noch wahrnehmbaren Eingang. Klimawandel und Verdunstung verrichten ihr desaströses Werk. Großkonzerne entnehmen Wasser für ihre Prozesse zur Gewinnung von Mineralien und Düngemitteln. Den Rest gibt dem salinen Gedümpel die Wasserableitung aus dem Zuflussreservoir Jordan. Syrien, Jordanien und Israel brauchen Wasser für die Landwirtschaft und zum Trinken. Es ist ein toxischer Kreislauf. Ein paar Kilometer weiter Luxusressorts mit ein wenig Nass. Wer es spüren will, wie man beim Baden immer leichter wird, muss zahlen. Dann lieber die sagenumwobene Festung Masada.

Spektakel für die Sinne

Man hat sich aufmontiert. Ein Sandsteinkomplex mit Tiefgarage. Souvenirs, Mützen, Kleidung, Bücher und ein Café. Die Festung Masada kauert wie eine versteinerte Trutzburg auf einem Tafelberg, 400 Meter über dem Toten Meer. Auf steilen Klippen gebaut, fast uneinnehmbar. Die neue Seilbahn hastet in Minutenschnelle in die Höhe. Wind kriecht über die Hochfläche, legt sich wie ein Tuch über die Reste der Mauern, die Herodes einst errichten ließ – Paläste, Speicher, Bäder mitten in der Wüste. Unten flimmert die Senke, salzverkrustet, endzeitlich. Der Blick reicht bis ans tote Wasser, das sich bleiern in der Tiefe windet. Spektakel für die Sinne. Hier oben verschanzten sich die Zeloten, Frauen, Kinder, die letzten Kämpfer im jüdischen Aufstand gegen Rom. Fast eintausend an der Zahl, berichtet Flavius Josephus. Als die römischen Legionäre ihre Rampe vollendet hatten, mit Holz herbeigeschafft aus den Jerusalemer Wäldern, und die Mauern zu schleifen drohten, wählten die Eingeschlossenen den Freitod – lieber untergehen als leben in römischer Knechtschaft. Masada, ein Denkmal der Entscheidung. Und der Stille.

Aqaba – Husarenstück der Weltgeschichte

»Wo bleibt ihr?« Mohammad, unser Fahrer in Jordanien, wird ungeduldig. Er ist ein Freund eines Freundes aus Amman. Es gibt Probleme mit den jordanischen Grenzern. Mohammad regelt das. Vollgas durch Aqaba. Zeit aufholen, nicht in die Hitze kommen. Petra, die mystische Felsenstadt der Nabatäer, ist das Ziel. Erste Schilder verheißen Wadi Rum. Herrenlose Kamele, Ziegen, Beduinen am Wegesrand. Roadblocks. Schemenhaft vorbei an LKWs aus Saudi-Arabien. Vereinzelt ein paar Windkraftanlagen. »Mohammad, wo sind die Photovoltaikanlagen?« – »I don't know.« Und dann: schemenhaft am Horizont Wadi Rum. Hier hat der exzentrische Lawrence von Arabien die Stämme unter dem Schlachtruf »Auf nach Aqaba!« geeint und ist mit Prinz Feisal am Rande der Wüste gegen die Festung geritten. Die Türken hatten nur das Meer im Blick. Es war ein Coup und die Osmanen besiegt. Ein Husarenstück der Weltgeschichte – sie ging nicht gut aus für die Araber. Den Verrat an ihnen hatten Briten und Franzosen im Geheimen schon vorbereitet. Auch Weltgeschichte und noch heute Weltunruhe. Wadi Rum brütet vor sich hin. Zinnober und rotgoldene Sanddünen. Schatten verbrennen sich selbst. Die Landschaft ist von abenteuerlicher Schönheit. View-Points erlauben Augenerzählungen der Zuversicht bis tief in die Wadis hinein.

Petra – Schluchten und Weltwunder

Auch Petra. Vor Jahren am Eingang nur ein Schlagbaum mit Kassenhäuschen. Inzwischen ein Einkaufsrummel mit Buden, Restaurants und Geschäften. Die Schlucht, der heilige Siq aus Jahrmillionen alten Steinen, ebnet den Weg in das Weltkulturerbe. Türme, die sich zu Wächterfiguren formen. So schmal, dass der Himmel zu einem Streifen wird. Fresken aus Sandstein, purpur schimmernde, wellenförmige Riesen. Durchzogen von Honiggelb und Violett. Angenehme Kühle, Bewässerungsgräben. Vor zwei Tagen mehrere Tote in einer Springflut, die Spuren noch sichtbar. Und dann wie eine offene Blende, ein Schlag sprengt die Sicht frei auf den rosa prangenden Tempel. Staunendes Geschrei und Übermacht. Gräber und Behausungen. Alles in den Stein getrieben. Aus dem Stein herausgeschnitten. Zweitausendfünfhundert Jahre Hochkultur. Amphitheater und Parlament zugleich. Jordanische Schulklassen fragen uns aus, kichern, rufen in das Parlaments-Theater hinein. Russen und Tschetschenen, aus dem Badeurlaub in Ägypten gekommen, fragen auch, kichern aber nicht. Zurück zu einem Mann und seinem Ort des Optimismus und des Hochgenusses: Uri Buri, das Urgestein der Hoffnung.

Niemals aufgeben mit Uri Buri

Ein Tagesritt nach Akko. Die Gassen glänzen nachts wie mit Gold getränkt. Stein auf Stein, feucht vom nahen Meer, ächzt die Altstadt in dunkler Schrägheit. Kleine Kinder mit ihren Ponys finden ihr Geläuf. Laternen werfen warmes, schiefes Licht auf Mauern, die Kreuzfahrer, Briten, Araber, Mamluken und Osmanen gesehen haben. Fünftausend Jahre alt, mindestens. Der Duft von Gewürzen und gebratenem Fisch mäandert seidig in der Luft, vermischt mit dem fernen Geplätscher der Brandung hinter dem Quai. Die Lichter von Haifa in der Ferne. Wo ist Uri Buri? Arabische Geburtstagsfeiernde weisen den Weg. »Buri« ist Hebräisch und heißt »Meeräsche«. Uri Buri ist Fischkoch und Hotelier. Jeder kennt ihn. Kulinarische Exzellenz. Ein Mann mit biblischem Schädel, Gesichtszügen wie eine Landkarte und Augen eines Seemanns, als hätte er das Meer gelesen. Weltenbummler, Bombenentschärfer, Flugzeugmechaniker, Hamburger Hippie-Kommune, Restaurant in Akko. Ein Idealist. Fast 100 Leute in seinem Unternehmen. Engagiert sich für soziale Integration und friedliche Koexistenz. Perspektivlose Jugendliche finden bei ihm Aufnahme und Ausbildung: Juden, Araber, Drusen, Bahá'í, sonstwoher. Sein Hotel, sein Restaurant? Nach Anschlägen verwüstet. Niemals aufgeben. Aufbauen, weitermachen. Stärker sein.

Man streift an alten Stiegen und Hinterhöfen vorbei, passiert Tunnel, Burgen, Moscheen, Kirchen, halbverfallene Paläste und irgendwann öffnet sich die Straße zum Hafen. Bars und Hummus an der Promenade. Dort, wo das Wasser sich im Dunkeln bricht und die Boote wiegen, liegt Uri Buri. Kein Schild, kein Prunk. Der Wein kommt aus der Region: Galiläa, zwischen Golan und See Genezareth. Sauvignon mit Vulkan-Basaltpower. Drinnen: der Geschmack von Seafood-Mix, Barramundi und Feuer, serviert mit Geschichte. Nahost, Israel, Arabien enden hier.

Mit einem letzten Glas Wein, das nach Uri Buris Vision schmeckt.

Nachtfieber im Grachtensumpf Manager Magazin

Barreportage aus Amsterdam: zwischen Vesper Bar, Hiding in Plain Sight und Door 74 — eine Nacht auf der Suche nach dem guten Drink in der Stadt der Untergeher.

Amsterdam - Die Stadt hat die Nase voll. Allerdings anders, als es sich die zahlreichen Besucher vorstellen. Vor allem die Armeen von Crackheads, süßliche Haschischschwaden vor sich hinhustende Versagerdrogenkonsumierer und Heinecken-Torkler sind im Fokus.

Ein Kulturwandel muss her, ein Imagewandel wird herbeigesehnt. Zu den schiefen Amsterdamer Häusern sollen sich wieder mehr aufrechte Qualitätsbesucher gesellen. Alte Meister statt jungen Bespaßten mit Rausch-Aphasie und Aggressionseuphorie. Amsterdam will zurück zu seinen Wurzeln. Neue Schwarzwald- und Frankentugendpflöcke sollen eingeschlagen werden. Spitze statt Breite.

Das wird natürlich nicht ganz gelingen. Dafür hat das Unterschichtamüsement bereits zu sehr den Mainstream erschwommen. Party ist schon zu stark ein Synonym für hirnerweichtes Breitsein - und Amsterdam ist eine Hochburg der High-sein-Society in Europa. Und dennoch: Mit viel Aufwand wurden in den letzten Jahren die Museen renoviert. Das Van-Gogh-Museum und das Rijksmuseum verschlangen Hunderte Millionen. Hier will man wieder neue Akzente setzen.

Bereits im Hotel wird die Richtung angezeigt. Überall große Schilder mit dem Hinweis, dass es bei Geldstrafe, Anzeige und Rauswurf verboten ist, auf den Zimmern zu rauchen. Dies gilt aber nur für Zigaretten. Über alle vier Etagen schwebt, wie eine Tarnkappendrohne, der süßliche Duft afghanischer Bewusstseinsvernebelung.

Die Stadt der Untergeher

Vor dem Eingang drängeln sich canon- und nikonbewehrte Stauntouristen, augengerötete „Ich-bin-dann-mal-stoned"-Jungstumpfe und mies-finstere Daranverdiener. Der Hotelbesitzer - ein chinesischer Ur-Amsterdamer - erklärt auch gleich, worum es geht.

Hier in dieser Stadt kann man gar nicht untergehen. Es ist die Stadt der Untergeher. Jeder unterläuft die Normen, die Gebäude versinken, die Freiheiten werden unterminiert, die Moral ist nur noch eine ferne Kategorie, das Unterste ist das Oberste und wenn die Polkappen schmelzen, sei man wieder obenauf - nämlich als moderne Arche Noah, die all diese Moderne mit ihren schaurigen Charakteren in eine Welt hinüberrettet, wie sie sich Breughel nur im Fegefeuer seiner schlimmsten Fantasien ausgemalt hat.

Nämlich das Paradies des Drecks, umgeben von einer Gischt der gespenstischen, seelenlosen Libertinage. Einer Gonzowelt. Dagegen helfe kein Damm mehr, schon gar kein Amsterdam.

Dem Apokalyptiker zum Trotz wagen wir uns in die Nacht. Apokalypse bedeutet Enthüllung, Offenbarung. Amsterdam nackt, wild und ursprünglich. Mythenbefreit. Komm her, du Ding. Du Streichelwiese des Hedonismus. Leg mich flach, nimm mich mit der pornografischen Wucht einer Pusteblume. Mut gefasst. Rein in die von Grachten gefesselte Sünde. Bars und rauschende Trunkenheit, zeigt euch. Sazeracgestöber. Genussadventisten- und Vesperzeit.

Der König der Cocktails

Aufbruch Richtung Vesper Bar. Diese Trinkinstitution liegt etwas außerhalb der Trubelströme. Das heißt aber nicht, dass man auf dem Weg dorthin erlebnisarm bleiben muss. Die Kunst als Fußgänger besteht darin, sich durch die engen Straßen und Gassen zu winden, ohne einem der Straßenmonster zum Opfer zu fallen.

Allerdings sind hier nicht getunte Straßenkreuzer gemeint, die durch die Stadt jagen - es sind Fietsen und Brommfietsen. Auf deutsch: Rad- und Motorrollerfahrer. Die Rollerfahrer kennt man ja bereits, die langweilen in jeder mittleren Stadt mit ihrem Verkehrsanarchismus. Die wahren Henker sind die Amsterdamer Radfahrer, die mit Fug und Recht die Urheberschaft für das entsprechende Wortspiel für sich beanspruchen dürfen.

Lautlos rasen sie heran, um dann im letzten Moment den Flaneur mit wilder Gestik und unter Einsatz aller Urschreilaute - in den aufgerissenen Augen nur noch das Weiße sichtbar - an die nächste Hauswand zu drücken. Hat man das System erst mal verstanden, entwickelt sich ein großer Spaß. Wer gibt zuerst den Weg frei, wer weicht zuerst aus, wem gehört die Straße?

Schließlich ist es vollbracht. Eine ruhige Straße, aber ein unruhiger Ort. Aus den Boxen rappt Peter Fox mit „Haus am See", im Inneren tobt die Schlacht um Drinks und Plätze. Das Vesper ist geflutet von wohlgekleideten, lässigen und ausgelassenen Menschen. Angenehmer erster Eindruck. Gedeckte Farben, gemasertes Holz - moderne Klassik.

Da hier sofort klar ist, dass man sich auf sein Handwerk versteht, fließt zunächst ein thymianinfusionierter Pisco Sour mit frischem Eiweiß ins Glas. In ihm paaren sich feine Aromen mit einer geschmacklichen Böe, die auf der Nordsee etwa Windstärke 8 entspräche.

Dieser Spezerei gesellt sich ein Martinez mit Genever statt Gin hinzu. Ein geschmeidiges Konditionswunder, das noch lange den Gaumen umspielt. Textur und Harmonie auf höchstem Niveau. Derartig auf die Reise geschickt, betreten wir noch andere Kontinente. Wir gehen mit einem Martini Dry, der Tanqueray Rangpur und Koriandersamen an Bord vor Anker. Ausbalancierte Zitrusaromen umwehen das Glas. Der König der Cocktails im indischen Gewand eines Maharadschas.

Der Bartender rät allerdings eindringlich zum Königsmord und rührt einen The Other Word mit Strega statt Chartreuse an. Hier fehlen die Worte. Dramatischer und schöner hätte auch Shakespeare den Tyrannen nicht umbringen können. Selten hat man das Glück, die Sinne auf so schaurig schöne Art umwölkt zu bekommen. Diese Bar ist eine große Bühne - für jeden Besucher in Amsterdam ein Muss, der die Kunst der Mixologie liebt.

Gruselbar und Verführung

Rund 800.000 Menschen bewohnen diese Stadt. Die chaotische Energie lässt mehr vermuten. Die Stadt ist aus Pfählen gebaut, die aus dem Schwarzwald und aus Franken stammen. Da früher die Häuser nach ihrer Breite besteuert wurden, findet man viele schmale und in die Höhe gewachsene Bauten, die wie ein schiefes und schlechtes Gebiss in die Grachten beißen.

Amsterdam ist liberal, fast schon libertär. Diese Auswüchse sind auch im Rotlichtviertel De Walen zu betrachten. Zu allen Tages- und Nachtzeiten zeigen sich Damen jeden Alters und Transsexuelle in den Schaufenstern wie Fische in einem Aquarium. Nähert man sich ihnen, beginnen sie sich zu bewegen und versuchen etwas Glanz auf das Elend fallen zu lassen. Es gibt ja auch genug Elende, die auf so etwas stehen und das für erotisch halten. Es ist eine wolllüstige Wüste der einsamen Sehnsucht.

Wir umschiffen wieder im Zentrum rund um den Bahnhof die grölenden Nachtirren und folgen einem Tipp. Seit Kurzem versteckt sich eine Verrücktheit mit Bar in einer stillen Seitenstraße. Hiding in Plain Sight - HPS. Und es sei gleich vorausgeschickt: Bei einer solchen Entdeckung überlegt man, ob man sie wirklich preisgeben soll. Aber da es nach dem wunderbaren Vesper noch eine Steigerung gibt, herrscht Mitteilungsdrang.

Es beginnt mit der Karte. Sie ist unterteilt in die großen Fantasiekategorien. Künstler, Professor, Kapitän und Abenteurer lauten die Rubriken, unter denen sich die Kreationen finden lassen. Der Bartender sieht aus wie ein Assessor der gebildeten und schweigsamen Mitglieder eines Ringvereins. Dunkles Holz. Aus den Lautsprechern wälzt sich leise fetter geblasener Jazz. In Windeseile steht dekadentes Barfood mit Erdbeeren, scharfen Nüssen und mutierten Oliven auf dem Tresen.

Dann beginnen die Geheimverhandlungen. Dies könnte einer der heißkältesten Orte der Nacht werden. Wir schwitzen, sind fiebrig. Dagegen kämpft ein White Negroni an. Kina L'Avion, Dolin Dry Wermut und fassgelagerter Gin halten die nächtliche Malaria unter Kontrolle. Verscheuchen das Miasma schlechter Bars dieser Welt in die dunkle Materie entfernter Galaxien.

Man möchte einen Fieberbaum umarmen, wenn gute Barmänner statt Apotheker am Werk sind. Überall an der Wand weisen Formeln auf die Dekonstruktion und die Entwicklung von Essenzen und Tinkturen hin. Im hinteren Bereich - einer gemütlichen Lounge - werden die Patienten in pummeligen Sofas betreut.

Wir ziehen den Helm tiefer und werfen uns ins weitere Gefecht. Gut oder böse, Gott oder Teufel, langweiliges Paradies oder Freiheit. So schlendern die Gedanken, begleitet von einem Boulevardier. Diese Negroni-Variante mit Rye Whiskey ist ein Wanderer der Sinne. Ein vager psychedelischer Trip entlang von Zunge und Gaumen hinunter in die Tiefen der Unergründlichkeit. Ein sensorisch-glückliches Unentschieden zwischen Süße, Rauch und Gewürzen.

In dieser Bar ist nichts langweilig, routiniert oder aufgesetzt. Hinter dem stilsicheren Auftreten lauern Abenteuer, Wüstlinge und Unholde. Eben alles, was die Nacht, die Kulinarik und die Faszination des Nichthellen ausmachen.

Amsterdams drei große Plagen

Überall im Zentrum ist das Stadtwappen präsent. Es besteht aus drei Andreaskreuzen und symbolisiert die drei Plagen, die Amsterdam immer wieder heimgesucht haben: Flut, Feuer, Pest. Heute heißen sie: Sud, Teuer, Fest.

Das wird evident beim Besuch einer Gruselbar, dem Bo Cinq. Ein Getöse, das diejenigen gut finden, die auch den Ballermann für Feierkultur halten. Gegröle, plumpe Anmacherei, ein in den Trog geworfenes Überall, in die Mitte drängender White-Trash. In diesem sich lang hinziehenden Raum purzeln alle Regeln der Entspanntheit. Hysterisches Getue und Absturzunästhetik bestimmen die Szenerie. Zu mehr als einem schalen Bier lässt es sich an diesem Unort nicht aushalten.

Kontrastprogramm. Entlang der friedlich vor sich hinwippenden Grachten lassen wir uns treiben. Zurück ins pulsierende Epizentrum Amsterdams. Die Altstadt steht seit 2010 auf der Liste des Unesco-Kulturerbes. Auf der Liste des Barkulturerbes steht schon lange das Door 74.

Wer hier Atzung finden will, muss sich vorher anmelden. Angesichts der wogenden Massen in dieser Gegend ist das ein sinnvoller Wellenbrecher. Doch wer den Deich erklommen und die strenge Tür hinter sich gelassen hat, wird belohnt. Der Gast findet herzliche Aufnahme. Das Interieur ist klassisch gestaltet und so dominieren auch hier dunkle Farben, zu einem beruhigenden Holzfußboden und Sitznischen.

Man wird platziert und in angenehme Gespräche mit seinen Nachbarn verwickelt. Der Service ist hingebungsvoll und äußerst kompetent. Der Gast wird gekonnt zu seinen Wünschen verführt. Der Corps Reviver No. 2 ist körperbetont und lässt einen an Liebe denken. Die Absinthnote kriecht auf allen Vieren, aber sinnstiftend durch die Erwachsenenwelt dieser Komposition. Eine Wiederbelebung in reiner Kultur.

An der Tür immer wieder Menschen, die Einlass begehren. Aber der Zerberus kennt keine Gnade. Vor ihm sind alle gleich. Ob High-Heels, Anzug, Öko-Kutte, nüchtern oder aufgekratzt; es hilft kein Betteln und kein Augenklimpern. Wer nicht auf der Liste steht, geht.

Wenn man wieder auf die Straße tritt, blendet die nächtliche Dunkelheit. Es sind die Blitze des Deliriums. Nicht mehr hinsehen. Flucht ins Dvars. Ein Entrée wie beim Film. Roter Teppich und Posamenten. Aber auch hier eine freundliche und unprätentiöse Aufnahme ohne Dünkel. Das Publikum ist gestylt, jung und urban. Das Dvars ist eine Mischung aus Clublounge und Bar. Weitläufig, Aquarium, zwei große Bars. Modernes Design, an den Wänden Bilder mit gewollter Erotik.

Die Bar ist ausgezeichnet sortiert und der Gast wird sehr freundlich mit Twists von Klassikern empfangen. Obwohl der Ort ein wenig zu gut gemacht, zu glatt wirkt, fühlt man sich wohl und aufgehoben. Passend zum Nachttrubel und dem Geisteszustand wird ein Karussell geordert.

Die Mischung aus Wermut, Bénédictine, Rye Whiskey, Peychaud und Angostura ist heldenhaft, entschlossen und barmherzig. Genauso, wie die Bewohner dieser Stadt, die mit bewundernswerter Gelassenheit die bedröhnten Feiermongolen und Prekariatsspaßhaber ertragen. Auch, wenn sie die Nase schon längst voll haben.

→ Originalartikel im Manager Magazin

Berlin zwischen Krieg, Koks und Cocktails Vice

Von Rum Trader und Dschungel bis Monkey Bar — ein Essay über hundert Jahre Berliner Barkultur zwischen Mauerfall, Avantgarde und dem merkwürdigen Herrn Scholl.

„Martini, geschüttelt, nicht gerührt!" Dieser legendäre Satz stammt aus der Feder von Ian Fleming und er legte ihn seinem berühmten Agenten James Bond in den Mund. Naturgemäß hielt sich Fleming einige Male in der Agentenhauptstadt Berlin auf. Deren angesehenster Bartender seiner Zeit und Freund von Fleming ist Hans Schröder, Betreiber des mythenumrankten Rum Trader am Fasanenplatz. Eine winzige Bar, wie geschaffen für Verschwörungen, Abstürze und Ehefrauenvergiftung. Es war die Bar, die im Westen Berlins den Grundstein für die Barkultur nach dem Zweiten Weltkrieg legte, da sie auf Grund der guten Verbindungen Schröders zu den Alliierten schon damals, vor beinahe 40 Jahren, mit internationalen Qualitätsspirituosen arbeitete. In der Nähe entstanden noch die Fasanen 47 Bar und die Nachfolgerin der Weißen Maus, die in der Zeit vor dem Krieg im Osten lag und wo Champagner und Koks in Mengen eingesaugt wurden sowie einige langweilige Hotelbars.

Dann kam erst mal lange nichts. Außer den Einstürzenden Neubauten und in den 80ern die Underground-Promidisko Dschungel, wo David Bowie, Nick Cave und Iggy Pop neben vielen anderen Künstlern feierten. Endlich floss wieder Champagner und auch das Koks wurde wieder populär. Berlins Studio 54 sozusagen. Aber es ging auch anders.

Die Bar am Lützowplatz und Harry's New York Bar im Hotel Esplanade konkurrierten Ende der 80er Jahre um Designpreise, Porschefahrer und High-Heels-Ladys. Eben das andere Berlin, das schicke Mauerblümchen. Tapfer setzten im Gegensatz dazu Green Door und Victoria Bar erste nachhaltige Zeichen für Trinkkultur jenseits von Saft, Zucker und Sahne.

Der Osten und die Zeit

Schließlich wurde die Mauer abgerissen und es wurde dreckig, sexy und es kam die Avantgarde. Wer etwas auf sich hielt, ließ eine Handgranate fallen, legte ein altes Baubrett über das Loch und verkaufte lauwarmes Bier zu elektronischer Musik. Die Hütte war jeden Abend voll und gefeiert haben wir, bis komische Menschen zur Arbeit wollten — für den Westen interessierte sich keiner mehr. Außer für den Rum Trader, dort hatte man nämlich gar nicht mitbekommen, dass James Bond nicht mehr gegen die Sowjets kämpfen muss. Dort steht die Zeit einfach still wie ein Glas Wasser. Bis heute. Somit verlassen wir grammatisch die Vergangenheitsform und springen in das Präsens.

Aber natürlich, im wahren Leben rast die Zeit, sie explodiert und so wird nach dem Osten auch das alte Jahrtausend weggefeiert. In dieser wilden Phase bildet sich langsam eine neue Entwicklung heraus. Da nicht alle Bartender DJs oder Internet-Start-up-Unternehmer werden können, entschließen sich einige, diesen Beruf endlich ernsthaft zu betreiben. Und so wird gewühlt, gelesen, entdeckt. Historische Forschung nach alten Rezepten und ein neues Arbeitsethos gehören bald zum guten Ton. Diese Tendenz wird von der Industrie bald begleitet mit neuen Produkten, Wiederauflagen aus vergangenen Epochen und der Veranstaltung von Cocktail-Competitions. New York und London sind die Impulsgeber dieser Renaissance. Der Bartender gewinnt langsam an gesellschaftlicher Reputation und Berlin setzt sich an die Spitze dieser Bewegung in Deutschland. Genauer: Ost-Berlin.

Hier etablieren sich in den letzten eineinhalb Dekaden vor allem in Berlin-Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain eine Menge Bars von höchster Qualität und unterschiedlichster Konzepte. Speak Easy, Shotbar, Designerbar mit Livemusik, Szenebar, Hotelbar, Punchbar und Burgerbar. Alles ist vertreten. Die herausragenden Vertreter sind Becketts Kopf, Buck&Breck, Bar Tausend, Le Croco Bleu, Amano, Reingold, Booze Bar, Lost in Grub Street oder Chicago Williams BBQ. Die Liste ließe sich beliebig erweitern. Es wird mit Barrel Aged Cocktails gearbeitet oder mit Foodpairing — alles geht und die Berliner lieben ihre Barkultur. Sogar die nichtberlinerischen Eigenschaften wie Freundlichkeit und Serviceorientiertheit finden Einzug hinter dem Tresen. So ist es eine Zeitung, die vor einiger Zeit mit dem Werbeslogan: „Trinkgeld, sonst Schnauze!" an gute alte Berliner Zeiten erinnert.

Der neueste Hype am Barfirmament ist die Craft-Food- und Barbewegung. Meist in einer alten Industriehalle angesiedelt, kommt es hier zu einem wahren Genussgangbang gepaart mit Livemusik und DJs. Essensstände und Bars mischen und befruchten sich gegenseitig und der hippe Gast hat an einem Ort die Qual der Wahl. Er muss sich nicht mehr von Kiez zu Kiez quälen, vorbei an den ganzen Bedröhnten, Dealern und U-Bahn-Krakeelern: das wird nun alles pauschal organisiert geboten. Auch wir werden eben älter.

Der Kreis schließt sich

Und der Westen? Im Rum Trader wird sogar die Zeit zurückgedreht, wahrer Könnerschaft tut das ja bekanntlich nicht weh. Der legitime Nachfolger des inzwischen im Himmel weilenden Herrn Schröder führt als bekennender Royalist, Komponist und Philosoph ein majestätisches Regiment und man fühlt sich bei ihm in die 1920er-Jahre zurückversetzt. Herr Scholl heißt dieser merkwürdige Mann. Obwohl ich seinen Vornamen kenne, siezen wir uns. Herr Scholl siezt jeden, auch seine Frau. Wer blöd daherredet kommt nicht rein — oder wird, zwischen Schnupftabak und Monokel, wegen seiner Irrelevanz für diesen heiligen Barkosmos zurechtgewiesen und so zum Schweigen gebracht.

Die Bar am Lützowplatz hat den neuen Bartrend verpennt und kämpft um Anschluss an die Meister hinter der Bar. Harry's New York Bar hängt noch die nächsten tausend Jahre die Porträts ehemaliger US-Präsidenten über das Piano, die Victoria Bar, in der Nähe der Boulevards der Prekariatshuren, nicht weit entfernt von Führerbunker und neu erstrahlendem Potsdamer Platz, fördert Literatur, Kunst und Trinkerschaft mit Niveau.

Seit fünf Jahren gehe ich nicht nur zu Herrn Scholl, sondern auch sonst wieder in den Westen. Denn seither gibt es die nächsten Attacken gegen die geschmackliche Einfalt. Das Stagger Lee, benannt nach einem von Nick Cave besungenen amerikanischen Mörder, lässt den Saloon wieder seinen ruppigen Charme versprühen, die Bar am Steinplatz huldigt der großen Tradition der mondänen Hotelbars, setzt aber zugleich auf regionale Produkte. Mit eigens gebrautem Bier folgt sie der wachsenden Craft-Beer-Szene. In Charlottenburg macht das Galander dem einstmals verlotterten Ruf des Stuttgarter Platzes als Hauptzentrale der Zuhälter ein Ende und funkelt in dieser eher tristen Gegend mit Barkunst.

Aber es gibt einen neuen unumstrittenen Star des Westens. Direkt über dem Berliner Zoo mit Blick auf das Affengehege hat die Monkey Bar wahre Höhen erklommen. Nicht nur an Metern, sondern auch an Zuspruch. Jeden Abend gut besucht und am Wochenende mit Warteschlange, versucht man hier die Balance aus Anspruch und Spektakel zu erfüllen. Wer dem ganzen Gebalze und Catwalk-Gehabe mal auf die Terrasse im 10. Stock entflieht, denkt darüber nach, dass der Westen wieder eine Mitte hat, die die Barkultur und die Nacht für sich neu entdeckt. Die Monkey Bar hat eingeschlagen wie eine Bombe. Der Panoramablick wandert über den Tiergarten, der nach dem Zweiten Weltkrieg ein einziger Bombenkrater und Kartoffelacker war. Richtung Osten am Reichstag kommen Augen und Gedanken an ihr Ziel. Vor dieser einst zerschossenen Ruine sprach der legendäre Bürgermeister Ernst Reuter jene bedeutenden Worte, als die Russen sich ganz Berlin holen wollten: „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!" Heute geht das ganz ohne dramatisches Pathos. Hier, an dem Ort, an dem dann alles wieder begonnen hat mit der Barkultur in Berlin nach der Nazi-Scheiße. Und im Rum Trader, tief im Westen, holt Herr Scholl die Fahne ein, bittet mich in die Einsamkeit der Nacht und sperrt ab. Ausgetrunken.

→ Originalartikel bei Vice

Märklinmegapolis Mixology — Stadtgeschichten

Barreportage aus Stuttgart: zwischen schwäbischem Wutbürgertum, dem Uhu-Keller im Stundenhotel und dem Tanz auf dem Vulkan im Climax.

Kopf bleibt oben, dieses wunderbar doppeldeutige Motto der neuen Mut- und Wutbürger in der schwäbischen Hauptstadt Stuttgart kann auch als Leitgedanke für die dortige Barkultur dienen. Feierwütig sind die Menschen am Neckar jedenfalls, als stünde ihnen das Wasser bis zum Halse. Da wird die pietistische Enge und Strenge über Bord geworfen und kielgeholt. Aber was bleibt? Die Barkultur wirkt indifferent. Erstaunlichen Höhenflügen folgen grandiose Pleiten. Die Stadt hat sich mit der Diskussion um das Bahnhofsprojekt jedoch neu erfunden. Das ist angewandtes Live-Marketing wie man es nicht besser machen kann und spült Millionen in das Säckle. Für Schwaben ist das kein unwichtiger Aspekt, der Besucher profitiert von dem Aufruhr. Eine Stadt in Bewegung.

Bereits auf der Zugfahrt nach Stuttgart führen die Weizenbier schlotzenden Gleisbettrevolutionäre das Wort. Was man nicht alles auf sich nehme, um die Republik wachzurütteln und die neue Spezies des Wutbürgers zu kreieren. Man erzählt sich Anekdoten von der Heldenschlacht im Schlosspark gegen Polizei, Wasserwerfer und Reizgas. Dass man dabei in Situationen gerät, die einen Anwalt nötig werden lassen und dieser auch noch Geld für seine Dienste fordert, wird auf gewohnt schwäbische Weise gelöst. Ein durch das Abteil getragener Hut nötigt zur Spende, wie den klassenbewussten Reisenden mundartlich schwer verständlich gemacht wird.

Also hinein in den Kessel und heraus auf und durch den Kopfbahnhof. Seit Monaten beschäftigt die sonst so befriedete Stadt die Republik. Stuttgart ist zum Mekka der mutigen, wasserwerferruinierten Pelzträger und progressiven Dagegenmenschen geworden – wo Gut gegen Böse kämpft und der Protestantismus zu neuen Ehren gelangt. Es riecht hier ein wenig hamburgisch. Der Geruch der bürgerlichen Wohlgewogenheit. Hier thronen der ökobewegte Citoyen und der konservative Geldadel gleichberechtigt im Glanze des Erfolgs.

Stuttgart wurde weggesprengt im Krieg; zu 90 Prozent die Innenstadt im Luftkrieg zerfetzt und ausgebrannt. Den Rest besorgten die Abrissbirne und die Bauwut nach der Katastrophe. Die Menschen brauchten ein Dach über dem Kopf und bekamen eine traumatisch liederliche und geistfreie Bebauung. Ohne Kern, ohne Herz und ruhende Mitte. Aber gemeinsam hat man angepackt. Hier ist man pragmatisch und baut auch Tiefgaragen unter den historischen Schillerplatz.

Und nun diese Bewegung in der Neckarmetropole. Da wächst die Neugierde zu erfahren, wie sich diese Stadt anfühlt bei Nacht. Auf den Rhythmus der Nachtschattengestalten, auf den schwäbischen Hedonismus.

Annäherungen. Hohe Ansprüche und kleine Fehler

Obwohl nicht im unmittelbaren Zentrum gelegen, ist Die Bar eine der bevorzugten Adressen der Barflies. Man steigt hinab ins Souterrain und betritt einen Raum, der nicht an eine klassische Bar erinnert, sondern wie eine Mischung aus Lounge und Kneipe anmutet. In den Sitzecken und an der Bar läuten bereits zu früher Stunde gut gekleidete Menschen das Wochenende ein. Nach Aussage der Ortskundigen kann es hier auch an Wochentagen schlagartig voll werden. Die Bar fällt mit einem großen Rumangebot und einer exquisiten Whiskyauswahl auf. Raucherladen. So beginnt der Abend auch mit der Hausspezialität, dem stets wechselnden Herrengedeck – bestehend aus einem Tannenzäpfle aus der Flasche und einem 12-jährigen Single Malt. Das kühlt die Kehle und beschleunigt die Zirkulation. Die Karte bietet trotz ihres Umfanges keine dramatischen Überraschungen und so fiel die nächste Wahl auf den stets treuen Whiskey Sour mit Maker's Mark. Grundsolide Arbeit ohne Fehl und Tadel. Ein Auftakt ohne Tand und Glitter in der gemäßigten Zone der gestandenen Barkultur.

Nach kurzer Taxireise ins Leonhardsviertel – in unmittelbarer Nähe zu einem schrägen Rotlichtachtel – geht es im Ciba Mato schon hitziger zu. Im verglasten Kasten lärmen an langen Tafeln und an der Bar die Gäste gegen den vibrierenden Klubsound an. Nebenan eine gemütliche Shishalounge. Das Publikum ist jung, schön und hip – passend zur Bar, die so etwas wie der Porsche Boxter unter den Trinkhallen sein will. Juvenil, erfolgreich, laut und breitbeinig. »Vanilleinfusion oder eine Daiquirivariante, die nach Lebkuchen schmeckt?«, schmettert der alerte Bartender dem Gast entgegen. Wow, hier scheint man auf der Höhe der Zeit zu sein und bekommt trotz des dröhnenden Ladens auch noch eine gute Beratung. Es wird dann doch ein Moscow Mule und ein Old Fashioned. Die beiden Mixologen verrichteten ihr Handwerk mit atemberaubender Geschwindigkeit und Präzision. Auch die Präsentation des Arbeitsplatzes und der Zubereitung ist spektakulär, ohne in eine nervige Show abzugleiten. Bisher alles richtig gemacht. Der Old Fashioned ist frisiert und hat gefühlte zweihundertachtzig Pferdestärken. Allerdings verbirgt sich unter der Haube auch eine wunderbare Samtigkeit und ausgewogene Frucht. Eine erstaunlich gewagte, aber auch denkwürdige Mischung. Etwas anders verhält es sich mit dem Moscow Mule. Der wird im Silberbecher gereicht – stilecht. Aber was sollen bitte die am Becherrand applizierten Eiswürfel mitten im Winter? Zudem sah das Gebilde aus, wie der collierbehängte Hals von Audrey Hepburn in »Frühstück bei Tiffany«. Also die Handschuhe wieder angezogen und beherzt zugegriffen. Leider gibt es auch da ein Problem. Zu viel Eis, zu wenig Gingerbier. Die Mechanik des Drinks funktioniert somit nicht mehr und er schmeckt enttäuschend. Kunstfehler. Das Ciba Mato ist dennoch unbedingt zu empfehlen, da für den Aficionado klar erkennbar ist, dass hier mit Engagement nach Innovationen geforscht wird und der Gast im Fokus steht. Kleine Designschwächen kommen in den besten Ideenschmieden vor und sind sicher nicht die Regel. Wer die Bar in ihrer ganzen Stilistik erleben will, sollte aber vielleicht nicht am Wochenende kommen, wo die Jeunesse dorée im Akkord bedient werden muss und die feinen Nuancen leiden können.

Nur ein paar Schritte quer über den Wilhelmplatz am Rande des Rotlichtstreifens ist eine elegante neue Bar entstanden. Wenn das Ciba Mato der Porsche Boxter ist, dann fühlt sich das Fou Fou an wie die Mercedes-S-Klasse. Allerdings sollte man nicht immer erwarten, dass auch im Fond nur Stilikonen Platz nehmen. Ein Türwächter öffnet und begrüßt den Gast freundlich. Die klassisch gestaltete Bar hat einen L-förmigen Tresen, an dem entlang es in einen etwas tiefer gelegenen Klubraum mit DJ geht, an den sich ein Raucherraum anschließt. Während es im Barraum brechend voll ist, wird man hier mit der Lautstärke eines startenden Düsenjets rückwärts wieder herauskatapultiert. Der Blick schweift über Menschen im sich selbst vor Verzückung verzehrenden Oberklassefieber. Immer mal wieder gebrochen, von offensichtlich bereits zu früher Stunde enthemmten, beutewilligen Auchdabeis. Nicht unsympathisch. Etwas derangierte Eliten haben ja was Putziges. Klubsound, freundlicher Bartender. Der Rusty Nail wurde auf Nachfrage nach Gusto des Gastes hergestellt und auf den Punkt gebracht. Im Grunde ist das Fou Fou eine schöne Bar, in der professionell gearbeitet wird. Aber auch sie leidet unter dem Wochenende-Malus. Zu laut, zu voll, zu grell für einen Ort, der seine Künste zeigen möchte.

Skuriles und Klassisches

Vor der Tür in der Leonhardstraße spielen sich erheiternde Szenen ab. Da ein Straßenstrich von der Obrigkeit nicht geduldet wird, aber natürlich dennoch immer da ist, entwickelt sich eine Art Wildwechsel, das ist eine Liebesdienstschnitzeljagd, oder was auch immer die bedauernswerten Beteiligten dafür halten. Die Damen wechseln stets die Stellung zwischen Bordsteinkante und den Eingängen der Stundenhotels, während die Ordnungsmacht gelangweilt patrouillierend Freier und Gefreite in Bewegung hält. Man tauscht sich nur kurz aus, für dreißig Euro gibt's dann das Standardprogramm auf albanisch, nigerianisch oder rumänisch – inklusive Händewaschen.

In einem dieser billigen Stundenhotels befindet sich Stuttgarts wohl schrägste Bar. Der Uhu verbirgt sich hinter einer Tür im Erdgeschoss neben der Treppe, die zu den »Zimmern« nach oben führt. Wer nach dem Klopfen Einlass finden will, sollte zwei Regeln beherzigen: kein übermäßiger Alkoholgenuss vorher und während des Aufenthaltes ist Rauchen zwar gestattet, aber nur Zigaretten und kein krümelnder Drehtabak. Wer sich an eine der beiden Hausordnungspunkte nicht hält, muss gehen. Der Name Uhu leitet sich ursprünglich von einer Ringervereinigung aus Berlin ab. In den 50er-Jahren wurde in Stuttgart in Erinnerung daran der Uhu etabliert. Hier verkehrte nicht nur die lokale »Ehrenwerte Gesellschaft«, sondern zu gewissen Anlässen trafen sich im Hinterzimmer auch Teile der städtischen Honoratioren. Die Stube bezieht ihren Reiz also weniger aus der Hohen Schule der Trinkkultur, sondern aus ihrer zwielichtigen Historie.

Wieder zurück, vorbei am Hegelhaus hinein in die Altstadt. Der märchenhafte Hans-im-Glück-Brunnen und dann wieder eine Institution. Das Café Weiß empfängt den Gast mit zwei Räumen, die eine Mischung aus Speiselokal und Eckkneipe bilden. Holztische und rustikales Interieur. An den Wänden großformatige alte Gemälde des städtischen Panoramas von London und Paris. Sehr gemischtes Publikum, teils studentisch, teils Szenegänger und Leistungstrinker – voll. Marcel Proust hinter der Bar. Wie treffend: auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Die stehenden Gäste werden vom kauzigen Kellner mehrfach angeraunzt, dass ohne Sitzplatz nicht ausgeschenkt wird. So kann man natürlich auch für Übersichtlichkeit sorgen. Nachdem ein solcher erobert ist, kommt der Vodka – im Cognacschwenker, die Salzstangen umspielt von Leopardenmusterservietten. Gedanken an den edlen Zecher, der hier trank die letzte Lebensglut … Hier stimmt nichts und doch passt alles zusammen.

Nun, wieder der Moderne entgegenstrebend, vorbei an Rathausplatz, Altem Schloss und Schillerplatz in Richtung Schlossgarten. Stuttgarts schönstem Ensemble und Bellevue. Dort, auf dem Vorplatz, befinden sich direkt nebeneinander das Waranga und die o.T.Bar. Das Waranga ist mehr Klub als Bar, glänzt aber mit einem grandiosen Blick durch die gläserne Fassade auf den Schlossplatz. Also hinein in die o.T.Bar, die sich, zusammen mit dem Restaurant Cube im Obergeschoss, im Foyer des Kunstmuseums befindet. Die Bar hat zwar bereits ab vormittags geöffnet, läuft aber erst am Abend zu wahrer Hochform auf. Das Angebot strotzt vor Kreativität und unzähligen Spezialitäten. Ein Garten Eden der Trinkkultur. Hinter jeder Flasche wartet die Verführung, und die Drinks sind perfekt und sauber zubereitet. So nimmt es nicht Wunder, dass die Karte mit der Überschrift »Die sieben Todsünden« aufwartet. Diese Qualität erwartet man nicht zwingend in einer Museumsbar. Der Whiskey Sour hatte eine seidige Textur und den so bezwingenden, nussigen Geschmack, noch dazu die perfekte Temperatur. Auf Empfehlung folgte noch ein 9-jähriger Gardel Vintage aus Guadeloupe, um die Geschmacksnerven noch ein wenig weiter in die Welt hinauszutragen. Dennoch leidet der Ort an seiner Seelenlosigkeit bei Nacht. Das große Foyer lässt den Gast mit einer gähnenden Leere im Rücken im gefühlten Nichts versinken, und auch die eigentlich angenehmen Jazzklänge verstärken dann nur die Mächtigkeit des unbespielten Raumes. Angesichts der gebotenen Barkunst ist das die achte Todsünde.

Unterirdisches und Höllenfahrten

Nun wird es unterirdisch. Im heftigen Schneegestöber taumelt man der Muttermilch entgegen. So heißt ein Klub auf der Theodor-Heuss-Straße, in dessen Kellergelassen sich eine Bar namens Tonstudio befindet. Dabei ist hier nichts schallisoliert oder hermetisch, es muss laut sein. Ein Abgesang auf die schwäbische Wohlanständigkeit, ein Vereinsheim der gepflegten Untergänger. Hier bestellt man zu seinen Drinks noch eine Schippe Kohlen für die Höllenfahrt. Auf zwei Etagen deutet sich die energetische Wucht der Stuttgarter Feierwut an. Der erste Raum ist nur ein kleiner schwankender Kutter auf hoher See mit Blick herunter mitten ins Auge des Taifuns. Normalerweise feiert man in der Ersten Klasse, hier, im zweiten, darunter liegenden Klub schlingert die Meute im Bauch der Poseidon ganz gewaltig. Rauchen verboten. Cocktails werden hier nicht mehr geordert. Die Bar funktioniert angesichts des Massenansturms einwandfrei. Ein kleines Wunder. Hektoliter Vodka-Taurin wechseln den Besitzer. Nach langen, schweißtreibenden Zuckungen gehen die Nachtreisenden von Bord. Panik macht sich breit – das Ende der Nacht zieht herauf. Man dümpelt dem Morgengrauen entgegen und sucht schon nach dem letzten ultimativen Abenteuer, dem Climax.

So ist das Rettungsboot der Gestrandeten sehr treffend benamt. Vor der Tür die lange Schlange der Ertrinkenden. Die Zerberusse stehen, unüberwindlich wie eiserne Schotte, vor dem Niedergang in das Rettende. Im Inneren hat das Diminutiv ausgedient. Alles monströs. Gangster, nicht Ganoven, Saufeulen, Unterwelt und Feierschachteln. Ein Panoptikum des Zuffenhausener PS-Geprotzes und der gespielten Großstadt. Heitere Huren und angeheiterte Herren. Hier verliert sich alles im Tanz auf dem Vulkan.

Ja, wer hätte das gedacht. Man will in eine Stadt, in der der eitle Schwadroneur und schlichte Schlichter als neues Oberhaupt gefeiert wird. Mit der festen Gewissheit, der gepflegten Langeweile entgegenzureisen, der verlurchten Provinz. Doch dann erlebt man eine Stadt, die zwar eine urbane Nichtgestalt ist, aber ihren Kokon um freundliche und kluge, um lebendige und hellwache Menschen spinnt. Stuttgart bei Tage ist nach ein paar Stunden eine einzige Plage, aber wer sich nachts der Schwabenschwitze hingibt, erspürt das tief im Dunkeln pochende Herz der Leidenschaft.

Die Barkultur zeigt sich ambivalent. Zu Höhenflügen animiert und dann doch immer wieder unter dem Radar im Flatterflug dahintrudelnd. Man wird in dieser Stadt nicht das Gefühl los, als baue sich einer eine Märklin Eisenbahn auf und spiele dann aber großer Bahnhof. Stuttgart ist laut und lärmt gerne – Stuttgart plärrt. Ist auf der Suche nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Die klugen Menschen dort wissen das und lächeln darüber. Sie wissen, das Nest wird nie auf die ganz breiten Gleise gesetzt und hat seine Stärken doch immer noch in der Verniedlichung, mit der unter der Haut getragenen Metropolensehnsucht.


Lichtpassagen

Höllische Passivhedonisten Mixology

Gen Z, Dry Dating und Mindful Drinking — ein Essay über den Trend zur Alkoholfreiheit und die Frage, wie Bars damit umgehen, ohne in sinnlose Kulturkämpfe zu geraten.

Warum Sie beim nächsten Date keinen Alkohol bestellen sollten, lautet am Morgen die Überschrift in der Tageszeitung Die Welt. Nur die Anrede mit »Sie« statt des distanzlosen Duzens weist auf vergangene Zeiten hin. Es geht um den Trend des Dry Dating in der Bar, das auf das Kennenlernen via Dating-App folgt. Gemeint ist der Umgang der Gen Z mit Grenzen. Also nicht das Suchen und Erforschen der eigenen Persönlichkeit durch Grenzüberschreitungen, sondern im Gegenteil durch Grenzsetzungen als Grundkonstante in der grenzenlosen Sphäre des Erotischen. Gut, Gen Z (ca. 1997–2012 geboren) hat keine orgiastische Nacht, sondern ein Match mit eventuellem Sober Sex in einer immerhin wirklichen Wirklichkeit. Achtsamkeit lautet der Claim – statt eines ohnehin von den Stones immer nur geheuchelten Verlangens nach Street fightig Man, Revolution und Satisfaction. Ein Claim, den sich auch die Werbeindustrie genommen und in Verbindung mit Nachhaltigkeit zu einem alles überwölbenden Marketing-Bewusstseins-Chiffongewand verwoben hat. Man sieht durch, aber nicht klar. Auch Teile der Politik mit ihrer paternalistischen Regelungssucht einer Gesellschaft der Heiligen, Reinen und Risikovermeider sowie viele Medien mit gut verkäuflichem Alarmismusgeläut à la »Wie schon ein Glas Wein am Abend die Gesundheit ruiniert« flankieren das. Das klickt und wird verkauft.

Blut tut gut! Auch, wenn es um Unblutiges geht. Man betrachte nur einmal Werbung auf einem der Lieblingsmedien der Z-ler. Auf YouTube ist gerade das heiße Ding, vorzugaukeln, man sehe einen Influencer. Man engagiert sie nicht mehr, sondern die beworbene Tütensuppe oder das vegane Schnitzel ist Teil des zeitgerafften Tagesablaufs im Spot mit einer Fake-Person. Täuschend echte Simulationen. Da hilft kein Naserümpfen, die Generation Alpha ist bereits geboren, und wenn die alte soziologische Regel gilt, dass alle zwei Generationen ein Paradigmenwechsel stattfindet, sollten sich Bartender und Barbetreiber mit dem Konsumverhalten und den Werten ihrer Gäste auseinandersetzen. Das ist schließlich Bedingung für strategisches Handeln und ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell. Es wird eine wachsende Anzahl von Kunden auf die Bars zukommen, die die Nacht wie den Tag behandeln: »In einer aktuellen GoGov-Studie zum Alkoholkonsum junger Europäer gaben 49 % der deutschen Generation Z an, gar keinen Alkohol zu trinken. So haben sich Bewegungen aus den USA wie Sober und Mindful Drinking, die sich stark über Social Media verbreiten, auch ihren Weg nach Deutschland gebahnt«, schreibt die Welt. Menschen, die sich weder andere Menschen beim Date schöntrinken noch mehrheitlich eine Sozialisation anstreben, die über einschneidende Grenzerfahrungen – und dazu zählen sicherlich auch jene, die völlig anders in Bars ihren Ausgang nehmen können – gebildet wird. Dass auch in diesen Verhaltensmustern Realitätsflucht implizit ist – geschenkt. Das mag man soziokulturell beklagen, für Akteure im Maschinenraum der Konsumgötter gilt: Deal with it, or not, stupid!

Kreativer Spaßschaum und Nasenhaare

Spricht man mit Barleuten, fällt auf, dass bei vielen die Auseinandersetzung mit dem Zukunftsthema noch immer schwerfällt und von Reflexen geprägt ist. Mancher Bartender, der sonst gerne für sich beansprucht, der geborene Gastgeber zu sein, scheitert bereits beim Umgang mit einem abstinent trinkenden Gast. Die Bestellung des Nichtswürdigen wird zwar freundlich entgegengenommen und korrekt ausgeführt, aber sofort erlahmt spürbar das Interesse an diesem Störer; die Zeigelust, was man kann, sinkt oft schneller und tiefer als jeder Volumenalkohol. Jever Fun gilt da schon als Kreativmaximum und Spaßschaum im Glas. Manchmal hat man gar den Eindruck, der alkoholferne Gast rangiere in der Beliebtheit in jenem Skalenkeller, den ein Starcoiffeur empfindet, wenn er dem Kunden statt des kunstvollen Undercuts die Nasen- und Ohrenhaare trimmen muss. Eher kann von einem getrimmten oder verkürzten Berufsethos gesprochen werden. Alkoholverzicht in der Bar muss nicht mit Askese oder Spaßverzicht in Verbindung stehen. Über die vielfältigen Gründe hierfür wird noch zu reden sein. Die Pionierin der alkoholfreien Genusskultur, Nicole Klauss, verweist zu Recht immer wieder darauf, dass in der alkoholfreien Welt Kontinente der Aromenvielfalt zu entdecken seien. Erinnert sei nochmals, wie es der Kulturhistoriker Jörg Scheller zugespitzt ausgedrückt hat: »Mein Verhältnis zu Askese, Arbeit, Disziplin, Abstinenz ist im Grunde ein rein hedonistisches. Ich glaube nicht im Geringsten daran, dass die Welt dadurch per se zu einer besseren würde. Es macht mir einfach mehr Spaß und kostet mich weniger Überwindung als Ballermännlichkeit.«

Nehmen wir noch einmal Bezug auf die Aromenvielfalt, die es zu entdecken gibt, jenseits hoch aromatisierter Spirituosen, die dem Mischologen bereits die halbe Arbeit abnehmen wie ein moderner, perfekt abgestimmter Bolide dem Rennfahrer. Es gibt berechtigte Kritik am medialen Hype bezüglich alkoholfreier Spirituosen, deren Marketing sich mit diesem Begriff ohnehin keinen Gefallen getan hat. Über die Fortschritte und skurrilen Ausreißer wurde hier bereits mehrfach berichtet (siehe Mixology 1/2022).

Fine Brew, Fine Drinkin'

In jüngster Zeit hat Kombucha von sich Reden gemacht, wie so oft ausgelöst durch das barkulturelle Interesse an Neuerungen in der Restaurantgastronomie. Das junge Unternehmen »The Bouche« produziert seit drei Jahren mit rasantem Wachstum in Berlin für den regionalen, nationalen und EU-Markt Kombucha. Eine »noch immer relativ junge Kategorie«, wie Walker Brengel betont, der für die Produktentwicklung verantwortlich zeichnet. Kombucha ist im Wesentlichen ein leicht moussierendes Gärgetränk aus Tees oder Kräutern. »Wir verwenden wilde Hefen, die sich an den Zucker anpassen, der wiederum bei uns aus regionalem Rübenzucker und nicht aus Überseezucker herrührt. Man kann das Verfahren mit der Herstellung des gerühmten belgischen Sauerbieres vergleichen, aber auch einiges bei der Weinherstellung lernen«, erläutert Brengel. Neben dem Vertrieb an Weinhandlungen und Cafés sind vor allem gehobene Restaurants und Bars an den Produkten interessiert. Für renommierte Häuser wie die Bar am Steinplatz, Cookies Cream und Nobelhart&Schmutzig hat man individuell abgestimmte Produkte entwickelt, die für sich allein stehen oder als Speisenbegleiter Verwendung finden. Gerade die Zielgruppe der »jungen, urbanen, designaffinen, gesundheitsbewussten Konsumenten, die viel Wert auf Geschmack« legten, habe man im Blick. »Wir arbeiten gerade mit Bars an Ideen und sind ziemlich flexibel bei der Herstellung unserer Kreationen.« Im Moment wird neben Tee mit diversen Extrakten von Kräutern und Blättern experimentiert, die schon bei geringer Beigabe mit hoher Konzentration erstaunliche Aromafarben ausbilden. Kombucha ist in jedem Fall eine Disziplin, in der Bartender ihren Forschergeist noch austoben können, jenseits der eigenen Herstellung von Essenzen, Auszügen, Cordials, Shrubs und Destillaten für alles im Bereich des Trends zu Low-ABV, alkoholfrei und jenen ganz ohne Alkohol.

Ohne Alkohol oder alkoholfrei?

Das klingt zunächst verwirrend, aber Ruben Neideck aus dem Velvet in Berlin erläutert zu Beginn gleich, worum es dabei geht und vor allem, welche Relevanz sich hinter der Wahl einer der Getränkekategorien verbirgt: »Die meisten Leute müssen erst einmal wissen, dass ohne Alkohol wirklich null Alkohol bedeutet. Während alkoholfrei eine Restalkoholmenge bis 0,5 % enthalten kann, wie Bier oder Kombucha. Ist das abgeklärt, bringt es den Bartender in der Beratung weiter, warum der Gast gerade auf Alkohol verzichten möchte, bevor ich im nächsten Schritt herauszufinden versuche, welchen Geschmack er präferiert. Das ist heikel, weil man ein Gespür dafür entwickeln muss, wie weit man fragen kann. Insofern ist das ganze Thema herausfordernd und anspruchsvoll.«

Schwangerschaft, Sucht, Gesundheit, Medikamente, Alter, Allergien, Stoffwechselerkrankung, Religion, Fitness am Folgetag – die Gründe, die Neideck benennt, sind Legion. Dementsprechend komplex ist die Herangehensweise im Velvet: »Ich verstehe den Preis und die berechtigte Idee hinter alkoholfreien Destillaten. Aber: Ich tue mich auch schwer mit dem Verhältnis von Preis, Geschmack und Haltbarkeit. Das ist nicht für jede Bar tauglich und deckt auch nicht ab, was wir anbieten wollen. Dennoch haben wir einige Produkte und auch die passenden Filler im Backboard.« Nur eine Ausnahme lässt Neideck wirklich gelten und nennt auch Namen: »Umgehauen hat mich der Schweizer ›Wald&Rauch‹.« Ein Destillat von Jo Dunkel aus Basel, das einen alkoholfreien Waldspaziergang als Destillat anbietet. Lobbypreist, preislich allerdings auch aus allerhöchsten Wipfeln in profane Niederungen winkend. Das Velvet versucht eigene Herstellungen einzubinden. Das funktioniert vor allem über wechselnde Karten und Saisonalität, so komme man auch mit der limitierten Haltbarkeit zurecht. Zudem können die Zutaten (Kräuter) auf den Punkt zum Lab-Day bestellt werden. Daran schließt sich dann eine der Konservierungsmethoden für alkoholfreie Produkte an: Shrubs als Säuresubstitut, Pasteurisieren (schonendes Erhitzen über 60 °C), Überzuckerung (Marmelade), Fermentation mit Milchsäure, Säuerung mit Zitrone oder alkoholfreie Destillation (langsamer Prozess, hoher Energieaufwand, geringer Ertrag).

Das alles, mühevoll hergestellt, muss dem Gast entsprechend vermittelt werden: »Oft werden ja gerade bei alkoholfreien Getränkebestellungen große Volumina erwartet, was natürlich zu Lasten der feinen Aromen geht. Daher ist die Beratung hinsichtlich von Profil und Menge immens wichtig. Sonst kann man sich den Aufwand auch sparen und einfach einen alkoholfreien Gin & Tonic hinstellen.« Prinzipiell bevorzugt Neideck die Arbeit mit alkoholfreien Getränken. Durch die Toleranz im minimalinvasiven Promillebereich kommen besonders die alkoholfreien Destillate zur Geltung und lassen mehr kreative Spielräume. Aber zuvor muss dem Gast mit Respekt vorsichtig entlockt werden: fruchtig, floral, kräuterig? Süß, sauer, medium? Null Prozent oder »nur« alkoholfrei? Spezielle Gründe für den Alkoholverzicht? Beichte ablegen ohne sündige Absichten? Eher umfassende und professionelle Beratung. Das ist angemessen und vonseiten des Bartenders ein tadelloses Verhalten.

Anti-Aging und Entwicklungskosten

Auch Dominik Falger von der Embury Bar in Frankfurt sieht das so: »Wir haben vom ersten Tag an das Thema alkoholfreie Drinks stark beachtet. Bei der Herstellung von Produkten haben wir uns, auch wenn wir mit Kombucha und anderen Produkten gearbeitet haben, immer von den Ansprüchen leiten lassen, die wir an alkoholische Getränke haben.« Falger berichtet, dass er gerne mit den alkoholfreien Destillaten von »Undone«, »Rebels« oder »Apotheke Berlin« als Alternative für Rum oder Wermut arbeitet. Nur für speziellere Kreationen komme man am eigenen Küchenlabor nicht vorbei. »Außerdem beginnt der Spaß erst mit dem Erfahrungs- und Wissenszuwachs, wenn man sich schon die Mühe macht, nicht nur eine Flasche zu öffnen.« Er zählt dann Gelées auf, schwärmt von klarifiziertem Himbeerwasser, Ananas-Kokos-Cordials, Ananasgelée mit Agar-Agar, Shrubs mit Hibiskusblütentee und einer Tinktur aus rotem Sandelholz. Beinahe die Sphären des Äskulap berührt er mit der Verarbeitung der Jambúblüte aus Lateinamerika: »Deren Wirkstoff Spilanthol wird lokalanästhetische Wirkung nachgesagt und es kommt als Anti-Aging-Produkt zum Einsatz. Daraus kann man einen wunderbaren Cordial machen, der nicht nur für alkoholfreie Cocktails eingesetzt werden kann, sondern auch perfekt in Arrak-Drinks und beim Espresso Martini, einem unserer Markenzeichen, funktioniert. Generell versuchen wir das Thema spannend zu präsentieren und die Tendenz zum Mindful Drinking dadurch zu würdigen.« Allerdings würde er zum jetzigen Zeitpunkt nicht so weit gehen, einen Hype auszurufen.

»Man darf nicht vergessen, dass auch die Umstände und die Ausrichtung einer Bar eine Rolle spielen«, erklärt Willi Schöllmann vom Schoellmanns aus Offenburg. Hausgemachter Sirup aus Sauerkirsche oder Lavendel, Mirabelleninfusion und Cold Brew gehören zum Standard. »Klar, wir verarbeiten auch viele Früchte zu Cordials, arbeiten viel mit Tee und Kaffee. Außerdem mit Sanddorn, Ingwer, Stachelbeere und alternativen Säuren.« Es sei allerdings noch immer ein schwieriges Terrain, wenn man den bequemen Weg des alkoholfreien Gin & Tonic verlasse: »Das Interesse an raffinierten alkoholfreien Getränken wächst. Besonders bei allem, was die Restaurant-Bar betrifft. Aber auch generell. Bei Geschäftsessen wird deutlich weniger Alkohol getrunken. Ein steter Trend nach oben. Auch in der Bar verfestigt sich immer signifikanter eine Konsumverschiebung. Wochentags leichter, weniger oder gar nicht. Am Wochenende dafür wird ausgiebig Alkohol konsumiert und auch viel experimentiert«, erlebt Schöllmann. Ein Problem sei bei eigenen Produkten immer noch die Haltbarkeit und ein Umstand, der noch viel Beratung hinsichtlich der Preisakzeptanz nötig mache: »Vielen Gästen ist nicht klar, dass selbst hergestellte, ausgefallene, aber auch Qualität und Variabilität alkoholfreier Zutaten einen enormen personellen und energetischen Aufwand bedeuten. Ein angemessener Preis ist kaum durchsetzbar, wenn ich mir die gesamten Entwicklungskosten durchrechne.« Da müsse man die Gäste noch sensibilisieren. »Aber ich möchte auch betonen, dass manches wieder ausgeglichen wird, dass von den alkoholfreien Cocktails gerne auch einer mehr bestellt wird und somit die Masse mit in die Kalkulation einfließt.«

In der Hölle ohne Sünde

Filmemacher sind Menschen, die in starken Bildern denken, um viele Worte zu vermeiden. Sahand Zamani beherrscht beides. Eigentlich sind es Bilder mit starken Worten. Beides ist in der DNA seiner Bar Rum Trader angelegt, den trinkfreudigen James-Bond-Autor Ian Fleming zu ihren Gründungsinstanzen zählt. Zusammen mit einem Publikum aus Kunst, Kultur, Nachtleben, Flugkapitänen, Exzentrikern, schwätzenden Nichtssagern, Marketendern in Sachen Spirituosenverfallenheit und sonstiger Erotikadventisten hat man sich auf engstem Raum international einen Ruf erarbeitet, der für jedes Drehbuch lässig Punchlines liefert. »Als Getränkekategorie für die Funktion einer Bar sinnlos«, lautet das um Fassung bemühte Ersturteil von Zamani, um dann doch etwas milder zu formulieren: »Was ist eine Bar? Sie sollte die Gemüter aktivieren, Stimmungen schwingen lassen, Menschen in der Nacht anders sein lassen als am Tag. Natürlich mit Alkohol als Katalysator. Also muss ein alkoholfreies Getränk inklusiv wirken. Es darf nicht passieren, dass schnell eine Saftmischung oder eine Limonade gestürzt wird. Man muss auch den alkoholfreien Drink mit Ecken und Kanten kreieren. Sonst verlässt nicht der Betrunkene, sondern der Nüchterne zuerst die Gesellschaft. Kurz gesagt: Ein alkoholfreier Drink muss eine Würde haben, die sich auf den Konsum und die Akzeptanz auswirkt. Diese Widerborstigkeit des Getränks verhindere das Herunterstürzen. Zamani verweist auf die Zeremonie. »Denken wir nur an Kaffee oder Tee im Caféhaus. Das hat fast rituelle Züge und der Faktor Zeit ist Bestandteil der Würde.«

Dann folgt wieder ein harter Schnitt. »Wir servieren ja auch keinen Sex on the Beach oder Long Island Ice Tea«, zeigt sich Zamani empört über die Frage nach der Verwendung alkoholfreier Destillate. »Das lehne ich ab. Darin steckt zwar gutes Handwerk, aber keine Inspiration, keine Emotion.« Schließlich gebe es beim Abstinenzler im Umgang mit dem Genuss- und Trinktrinker selten anzutreffende Synergien. Letzterer sei allerdings als Funktionstrinker, die damit ihren Sitzplatz legitimieren. Völlige Fassungslosigkeit befällt Zamani bei der Berechtigung von Sober-Bars: »Bartender ist doch nicht irgendein Beruf. Wir kreieren nicht nur Drinks und erfüllen einen Auftrag in Volksgesundheit. Wir sind anders, damit sich auch für wenige Stunden das Bewusstsein unserer Gäste ändert. Das ist eine Bar. Wer in eine Bar geht, ohne zu trinken, der betrügt. Natürlich, in der Hölle ist es spannender als im Himmel. Die wollen in die Hölle, ohne Sünde. Ohne den Kater einer besonderen Nacht – absurd!« Natürlich ist der Stimmungserschleicher oder genauer der Passivhedonist dramaturgisch ein Totalausfall. Aber der lauere ja überall. Im Club der Tanzflächenstarrer, der tröstende One-Night-Stand-Abgreifer, ohne jemals das Risiko des Flirts gewagt zu haben. Es ist klar, dass Zamani und seine Partnerin Charlotte Fedtke dem nicht weiter Vorschub leisten werden. Man könnte meinen, er habe Sorge, dass sich ein Zivilisationsbruch wie beim Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter ankündige. Aber eigentlich ist Bar nur ein Film. Ein Ort, der Geschichten schreibt durch die bewusstseinsverändernde dramaturgische Kraft der alkoholischen Gärung. Publikum am Set ist gerne gesehen, solange die Nüchternlichkeit nicht die Regie übernimmt.

Bourbon, bitte! Aber nicht schlucken

LDR oder LSD? Es ist ein Gewinn, dass anspruchsvolle Bars den langen Weg gegangen sind und es immer mehr hinter sich lassen, pflichtschuldigst und uninspiriert Saftmischungen und langweilige Industrieprodukte für Gäste mit anderen Bedürfnissen zusammenzurühren oder bereitzuhalten. Findige Start-ups haben das erkannt und arbeiten an neuen Qualitäten und deren stetiger Verbesserung. Besonders interessant sind natürlich die in der eigenen Bar hergestellten Zutaten, sofern man über die technischen Möglichkeiten verfügt. Was den ganzen Komplex stets begleitet, ist die Tendenz, dass auch dieses Thema wieder in einen Kulturkampf abgleitet, wie das beim Thema Ernährung zu beobachten ist. Alkohol gegen alkoholfrei, Alkohol versus Cannabis.

Rauschlos glücklich? lautet der selten dümmliche Titel einer ARD-Doku am Abend. Ein sehenswerter Einblick in die Mühen, Hindernisse, Möglichkeiten, Innovationen, Einsatzmöglichkeiten, Anbau und Anwendungsverarbeitung des nicht psychoaktiven Cannabispflanzen-Wirkstoffs Cannabidiol. CBD oder THC, klasse Protagonisten, die Klischees sprengen (Ex-Informatiker und ein CDU-Mitglied). Aber der Titel dieser hinreißend erzählten Dokumentation folgt natürlich der Aufmerksamkeitsökonomie und insinuiert einen Arbeitskreis auf einem Kirchentag. Ich warte auf die nächste Doku mit dem Titel Landwirtschaft ohne Rauschte. Da geht es nämlich um die vielfältige Verwendung von Weizen, Gerste, Roggen als Nahrungsmittel und unter welchen Umständen uns grüne Gentechnologie in Welternährungsfragen im Klimawandel weiterbringt. Aber lassen wir uns trotzdem in einer Welt des Entweder-oders, der Kulturkämpfe um First-World-Problems, gibt es Hoffnung, kann man sogar ein erfolgreicher amerikanischer Präsident werden. Man muss nur wie Bill Clinton auf die Frage, ob man in seiner Jugend einmal gekifft habe, antworten: »Ja, aber nie inhaliert.« Wahrscheinlich hat er den Bourbon auch nicht geschluckt: Und beim Sex …

»Ein Wasser, bitte. Ja, ohne alles!«

Älter als das Karussell Mixology

Die Geschichte des Vieux Carré — ein Essay über New Orleans, das French Quarter und einen Cocktail, der die multikulturelle Seele von The Big Easy destilliert.

Die Stadt ist menschenleer, evakuiert. Die Dämme aufgeweicht und gebrochen. Straßen, Häuser, Plätze, öffentliche Gebäude und alle Zufluchtsorte überflutet. Wenig Hoffnung, keine Arche, New Orleans müsse aufgegeben werden, heißt es. Ende aus, eine einzigartige Geschichte versinkt in den apokalyptischen Strömen aus Hurricane Katrina und mächtigem Mississippi. Das Delta wird zum Omega. 2005 – New Orleans wird nach 287 Jahren nur noch Erinnerung sein. Der Jazz, die Literatur, Mardi Gras, der kulturelle Melting Pot, die Bars, die Lebensfreude und der Geburtsort eines Cocktails, der mit all dem eng verbunden ist, sind Opfer der Elemente. Sind Opfer des gefährlichsten Gegners, den die Menschheit hat: der Natur.

Nicht ganz. Einer der wenigen Straßenzüge, die dem Inferno Widerstand geleistet haben, vor denen selbst die fragilen Dämme des Mississippi vor Ehrfurcht standgehalten haben, das Wasser halt gemacht hat, ist die Macht des Alten. Das French Quarter, Altes Viertel – Vieux Carré. Mit ihm das Hotel Monteleone, jenem Geburtsort des nach dem Viertel und seinen Bewohnern an der hoch gelegenen buckligen Windung des Mississippi benannten, legendären Cocktails. Der Vieux Carré zählt zu den großen Würfen der Barkultur und hat das Zeug zur Panoramaerzählung seiner Herkunft und Geschichte.

Stadt des Irrsinns

Das Besondere an New Orleans von Beginn an ist seine wechselvolle Existenz, seine diversen dramatischen Wendungen und Einflüsse der Vielfalt. Eine Multikultur im globalen Maßstab, gelebt und nicht behauptet. Alles andere als ein Nebenher, ein pluraler Monokulturalismus. Brutstätte von Jam und Jazz, Fusion-Kitchen, Architekturmelange, Literatur von Aufstieg, Glanz und Niedergang der Südstaaten-Aristokratie, von cineastischen Prallstoffen, Verfall und Wiederauferstehung nach Feuersprünsten und politischen Disruptionen.

1718, es ist die hohe Zeit des Kolonialismus, gründet der Franzose Jean-Baptiste Le Moyne de Bienville La Nouvelle-Orléans. Ab 1722 ist es die Hauptstadt der Kolonie Louisiana. 40 Jahre später, 1762, musste Frankreich im Zuge einer Gebietsrochade die Teile westlich des Mississippi an Spanien abgeben. 1788 und 1794 wüteten zwei Großbrände und vernichteten weite Areale. Napoleon Bonaparte erzwang im Jahre 1800 die Rückgabe an Frankreich, um es 1803 an die Vereinigten Staaten unter Thomas Jefferson zu verkaufen. Schnell nahm die Bedeutung der Stadt zu. Sie war von Beginn an polyglott, die dominierenden Kulturen aus Europa, Amerika und der kreolischen Karibik sorgten für ein starkes Wachstum und eine lebensweltliche Blüte, der selbst der Amerikanische Bürgerkrieg kaum etwas anhaben konnte.

Der große Sprung erfolgte im 20. Jahrhundert. Die Straßen des Vieux Carré waren ein vibrierendes Mosaik aus Sprachen, Farben und Klängen. Der Klang von Jazz und Blues erfüllte die Luft – Musik, die aus den Holzbläsern, Trompeten und Stimmen in verrauchten Clubs und kleinen Straßencafés drang. Eine Verschmelzung von afrikanischer und karibischer Sklavenmusik, der Musik des Sezessionskrieges, Spirituals und Arbeiterliedern. Straßenmusiker spielten auf den Bürgersteigen, während Tänzer sich rhythmisch zu den improvisierten Klängen bewegten. Der Einfluss von Persönlichkeiten wie Jelly Roll Morton und Louis Armstrong war spürbar, und die Geburtsstunde des Swing kündigte sich an. Eine fulminante Atmosphäre entstand, die Bars, Clubs, Musik und Literatur miteinander verband.

Die Architektur des French Quarter spiegelte ebenfalls die kulturelle Vielfalt wider. Spanische Kolonialbauten mit schmiedeeisernen Balkonen, französische Einflüsse in den detailverzierten Fassaden und karibisch geprägte Innenhöfe mit Gärten gaben der Gegend ein unverwechselbares Gesicht. Die engen, kopfsteingepflasterten Straßen, über denen Laternen ein warmes Licht warfen, waren der Schauplatz eines nie endenden Treibens.

Nicht zu unterschätzen ist auch folgende Skurrilität: New Orleans hatte ein offizielles Rotlichtviertel namens Storyville – ein passender Name ließe sich kaum finden! Es existierte von 1897 bis 1917. Es war berühmt für seine Bordelle, Casinos und Musikclubs. King Oliver und Jelly Roll Morton rockten die Nächte und sorgten dafür, dass Storyville bis heute eine Legende ist und das Nachtleben New Orleans sein besonderes Flair verbreitete. Es ging intensiv weiter. Trotz der Schließung von Storyville und der kurz darauf einsetzenden Prohibition (1920–1933) florierte das Nachtleben weiter. Es gab Speakeasies und illegale Clubs en Masse, der Alkohol floss in Strömen. Da New Orleans für seine liberale Haltung während der Prohibition bekannt war, wurde sie zum Hotspot für Freaks, Künstler und Hedonisten aus Passion.

Die Bourbon Street im Vieux Carré – nicht benannt nach der Whiskey-Stilistik, sondern dem französischen Königshaus der Bourbonen – transformierte sich von einer Wohnstraße zum Epizentrum des Nachtgetümmels. Bars, Burlesque- und Striptease-Shows, Live-Musik traten in einen Wettbewerb der Reizüberflutung ein.

In den 1930er Jahren war New Orleans Heimat einer einzigartigen Mischung aus ethnischen und kulturellen Gruppen. Kreolen, Nachfahren französischer und spanischer Siedler, lebten neben irischen Einwanderern, die in den Hafen von New Orleans geströmt waren, um der Hungersnot in Europa zu entkommen. Afroamerikaner, Nachkommen ehemaliger Sklaven, brachten die spirituelle Kraft ihrer Musik und die reiche Kultur des Südens in die Stadt. Auch italienische Einwanderer, die seit dem späten 19. Jahrhundert in die Stadt kamen, prägten die kulinarischen Traditionen und trugen zur Verschmelzung der Kulturen bei.

Die Einwohner von New Orleans waren oft Künstler, Musiker oder Schriftsteller – Bohemiens, die sich von der Lebendigkeit des Ortes inspirieren ließen. Tennessee Williams, der in den 1930er Jahren regelmäßig durch die Straßen des French Quarter wanderte, schrieb später in seinem Werk »Endstation Sehnsucht« über die dramatische und doch poetische Atmosphäre der Stadt. Williams schilderte die Menschen hier als rau, leidenschaftlich und tief mit ihrer Umgebung verwurzelt.

Inmitten dieser pulsierenden Atmosphäre des French Quarter war die Bar des Hotel Monteleone ein Ort, der die Vielfalt der Stadt widerspiegelte. Dort kamen Menschen zusammen, die unterschiedlicher kaum sein konnten: Seeleute, Musiker, wohlhabende Reisende und Künstler. Es wurde getrunken, gelacht und debattiert, während der Duft von Tabak und Alkohol die Räume erfüllte. Die Drinks, die hier serviert wurden, erzählten ebenfalls Geschichten – der Vieux Carré war ein Destillat der Stadt selbst.

Erinnerungen an diese Zeit finden sich auch in Filmen wie »The Story of Temple Drake« (1933), einer Adaption von William Faulkners Roman »Sanctuary«. Der Film fängt die düstere, sinnliche Atmosphäre des Südens ein und spiegelt die tiefen kulturellen Spannungen und das moralische Ringen jener Zeit wider. Ebenso zeigt der Film »King Creole« (1958), basierend auf Harold Robbins' Roman, die ungezähmte Energie und das harte Leben in den Straßen von New Orleans.

Manches davon existiert heute noch oder wieder, hat aber längst den Charme des Neuen und Authentischen eingebüßt. Die Probleme sind noch immer die gleichen: Rassismus, Armut, soziale Spannungen und zum Teil werden sie noch verschärft. Die Bourbon Street ist ein Rummelplatz, wie die Khaosan in Bangkok oder die Altstadt von Düsseldorf. Zerfilmt, handydisplaybeleuchtet, zerlärmt, in Shorts und Sandalen zerlatscht. So weit, so normal.

Die Geburt des Vieux Carré

Man brauchte schon die Fantasiesprungkraft eines Pumas, um sich Ende des 19. Jahrhunderts all diese Entwicklungen der Stadt New Orleans vorstellen zu können und sich auf den Weg zur Gründung eines Grandhotels zu machen. In diesem Fall kam der Berglöwe aus Sizilien ins Vieux Carré und hieß Monteleone, Antonio. Der Schuhmacher kaufte 1886 das pittoreske Hotel Commercial und baute es nach und nach zum mondänen Hotel Monteleone, dem heutigen Wahrzeichen des Vieux Carré, aus.

Irgendwann wurde ein gewisser Walter Bergeron Chefbartender im Monteleone und schuf in den 30er Jahren durch die Kombination von Spirituosen aus verschiedenen Traditionen einen Cocktail, der die multikulturelle Identität von New Orleans einfing. Die Zutaten symbolisieren die dominierenden ethnischen Gruppen von The Big Easy, wie der Kosename der Stadt lautet. Sie vereinen sich zu einem harmonischen und komplexen Geschmackserlebnis, das den reichhaltigen Charakter der Metropole am Mississippi-Delta einfängt: Rye Whiskey steht für die amerikanischen Einflüsse, Cognac repräsentiert das französische Erbe, süßer Wermut versinnbildlicht die italienische Gemeinschaft, Bénédictine und die verwendeten Bitters spiegeln die karibischen Einflüsse wider.

Während der Sazerac, jene andere mythische Cocktailkreation aus New Orleans, eine stabile Karriere gemacht hat und sogar per Gesetz zum offiziellen Drink der Stadt erklärt wurde, geriet das flüssige Denkmal einer außergewöhnlichen City, der Vieux Carré, lange in Vergessenheit.

»Der Vieux Carré reflektiert die Erfolgsgeschichte der Barrennaissance, nicht der Barklassik wieder. Er ist in seiner Entstehungszeit fast schon ein gesellschaftspolitisches Dokument«, ordnet Oliver Ebert, Becketts Kopf, Berlin, den Drink in den Kontext ein. Manchmal wird seine Geburtsstunde auf das Jahr 1938 datiert. »Tatsächlich wird er erstmals in dem Buch ›Famous New Orleans Drinks‹ von Stanley Clisby Arthur erwähnt. Dann verschwand er von der Bildfläche, bevor ihn Ted Haig 2009 in ›Vintage Spirits and Forgotten Cocktails‹ wieder erwähnt.« Armin Zimmermann stellt auf seinem historischen Blog »Bar-Vademekum – Wissenswertes für den Bildungstrinker« folgende Überlegung an: »Viele Quellen berichten, er sei 1938 entstanden. Genauer belegen lässt sich dies nicht. Jedenfalls erscheint die Rezeptur erstmals gedruckt in Stanley Clisby Arthurs Buch ›Famous New Orleans Drinks‹. Uns liegt der dritte Druck aus dem Jahr 1938 vor. Der Erstdruck erfolgte im November 1937, und man darf vermuten, dass er bereits in der Erstausgabe vorhanden ist. Zwar schreibt auch das Hotel, der Drink sei 1938 entstanden, doch haben wir aus den genannten Gründen doch unsere Zweifel. Leider liegt uns die Erstausgabe nicht vor.«

Seine Suggestion bezieht die Kreation ohnehin aus seinen Inhalten und weniger aus abweichenden Zweifeln seiner Hervorbringung, die um wenige Monate abweicht. »Der Vieux Carré war nie ein reiner Bartenderdrink. Er spiegelte relativ schnell bei den Gästen die große Zeit der Barkultur wider. Vielleicht hat ihn Ted Haig daher wieder in den Kanon der großen Drinks aufgenommen. Seither wurde er immer populärer. Besonders ist, dass er auf Eis serviert wird. Käme er aus der Zeit des Sazerac im 19. Jahrhundert, wäre er ohne Eis ins Glas gekommen. Klassische Drinks werden bekanntlich straight-up dargeboten«, so Ebert. Dann präsentiert er noch eine verwegene Theorie, die an eine berühmte Aussage des Sängers Tom Jones erinnert (»in meine Männerhände kommt nur ein Tumbler«). »Dass der Vieux Carré auf Eis im Tumbler serviert wird, ist Teil seiner jüngeren Erfolgsgeschichte. Er bedient eine irrationale Sehnsucht nach Maskulinität in der Bar. Das ist besonders absurd, wenn man an die Illustration der Barlegende Jerry Thomas denkt. Der große Ausbund an Männlichkeit ist dort mit einem ganz zierlichen, kleinen Glas zu sehen. Aber tatsächlich wird man als Bartender oft von Männern nach einem kräftigen Drink, im noch stabileren Glas und einem Drink auf Eis gefragt.« Ebert erzählt noch, dass der Vieux Carré im Becketts Kopf nicht auf der Karte steht. »Er hat schon lange sein Publikum gefunden und wird häufig geordert. Wir bereiten ihn im Original zu, lediglich, um die Süße etwas zu balancieren, reduzieren wir minimal den Anteil des Wermut. Ein klasse Drink mit einem verdienten späten Erfolg.«

Mythos Carousel Bar

Eine Geschichte und ein oft verbreitetes Missverständnis im Zusammenhang mit dem Vieux Carré muss noch erzählt werden. 2024 feierte die »Carousel Bar« im Hotel Monteleone ihr 75-jähriges Bestehen. Sie zählt sicherlich zu einem der exzentrischsten Barentwürfe. 25 Barhocker, alle individuell mit Zirkusmotiven geschnitzt und bemalt, gruppieren sich um eine runde Bar, die von weitem – auch durch die typische Beleuchtung – wie ein Kirmes-Karussell aussieht. Unter einem Baldachin mit 186 funkelnden Lichtern und Narrenschnitzereien sitzend, drehen sich die Gäste langsam in Kreisen, während der Bartender, der in der Mitte verankert ist, klassische Cocktails zubereitet. Alle 15 Minuten ist eine Umdrehung geschafft. Sie öffnet jeden Morgen um 11 Uhr und keine zwei Minuten später sind alle Barplätze belegt. Wer nicht zum Zuge kommt, muss an einem der anderen im Raum verteilten Tische Platz nehmen.

Oft wird kolportiert, der Vieux Carré sei in dieser Bar entstanden. Wer richtig gerechnet hat, bemerkt schnell, dass das nicht stimmen kann. Die Carousel Bar entstand erst 1949. Allerdings im selben Raum – er hieß damals »Swan Room« –, in dem Walter Bergeron seinen Geniestreich zur Welt brachte. Zur Welt gebracht wurden in der Carousel Bar auch verrückte Geschichten. Die Bar zog bereits kurz nach ihrer Eröffnung magisch Künstler und vor allem Literaten an. Neben William Faulkner, der seinen Psychopathen und Mörder Popeye aus »Sanctuary« durch New Orleans jagte, trug der umwerfende Truman Capote zum Mythos von Hotel und Bar bei. Der megalomane Geschichtenerzähler stürzte in New York nach der Veröffentlichung eines Textes über die High Society, mit der er jahrelang soff und das Nachtleben in Unruhe versetzte, in den Pariastatus. Vom gefeierten Genie zum Niemand verdammt. Diese Entourage, die stets um Capote herumschwirrte, bekam von ihm noch in guten Zeiten den Nickname »Swans«. Und da saß nun der Martini und vielleicht auch Vieux Carré beschwippste Capote im ehemaligen Swan Room und erzählte – die bezeugte – immer gleiche Mär: Er sei hier im Hotel geboren. Wie bei allen begnadeten Lügnern immer nur die halbe Wahrheit. Seine Mutter wohnte im Monteleone, als sie mit ihm schwanger war. Die Geburt fand wenige Straßen entfernt in einer medizinischen Einrichtung statt. Richtig ist, dass sich die Carousel Bar der besonderen Pflege ihres Signature Drinks Vieux Carré widmet und die halbe Welt schon diese Barpreziose versucht hat. Jedenfalls behauptet man das dort – in The Big Easy.


Tiefenrausch

Fanta Vier – Heinz Strunk seziert den Massenmörder Honka Mixology

Eine Kloake aus Fanta-Korn, Mühsamen und Beladenen aus allen sozialen Schichten und ein Mann, der vier Frauen in seiner Marter aus Schnaps und fehlendem Glück schlachtet. Ein unerträglich gutes Buch über lebendige Verwesungen.

Fritz Honka ist ein zarter, vom Leben reichlich windschief gezauster Mann. An ihm ist alles schwach, ein einziges, kaum wahrnehmbares kleines, dürres Menschlein, das man trotz aller Prügel, Vergewaltigungen und Schicksale hat erwachsen werden lassen. Stark allerdings an dem schwächsten der starken Gefühle – dem Hass. Stark in seinem sexuellen Triebfuror und seiner Vernichtungsenergie, seinem inneren Seelenterror, der auf Erniedrigung mit Auslöschung antwortet. Sex bedeutet Unterwerfung, Widerstand dagegen Tod und Verstümmelung.

Honka wird 1975 zum Schlächter von St. Pauli und zur medialen Sensation inklusive Starverteidiger und abseitig-schauriger Verklärung – ähnlich wie die Serienmörder Fritz Haarmann oder Jürgen Bartsch. Dass man darüber auch anders schreiben kann, über St. Pauli, Alkohol, nie erwachsene Unmenschenkinder und deren Lebenskriege, hat Heinz Strunk mit seinem Roman „Der goldene Handschuh" gezeigt und der „Hier-ist-noch-alles-in-Ordnung-Welt" den Fehdehandschuh hingeworfen, die Distanz genommen. Eine Distanz, die es erst erlaubt, diesen wohligen Schauer zu genießen. Aber die inneren Bürgerkriege sind ziemlich nah, ohne Aussicht auf Flucht – weder für verkommene, in den Daseinsbrei hineingeworfene, degenerierte Reederei-Pfeffersäcke-, noch für das Bordsteinschwalbenprekariat oder die heillosen Testosteron-Pissrinnenexistenzen. Mit Strunk watet man in deren Scheiße, liest ein irres, unschönes, begnadetes und bestörendes Buch, das lautlos schreit: „Die Hoffnung ist ein Arschloch!". Ein Poem der menschlichen Kloake – ein Kloakem.

Gelichterabsteigen und Sex, wie im Krieg

Fritz Honka, genannt „Filete", wird 1935 in Leipzig geboren, acht Geschwister, Vater nach dem Zweiten Weltkrieg am Suff gestorben, Heimkind. Die Mutter sieht er nie wieder. Abgebrochene Lehre, 1951 Übersiedlung in den Westen, Alkohol, Heirat, ein Kind, Scheidung, erneute Ehe mit derselben Frau, zweite Scheidung der Säuferehe. In Hamburg findet er Arbeit am Hafen, ein Unfall deformiert sein Gesicht, das Leben so unwirklich wie seine Visage.

Honka treibt sich rum, wird Stammgast in St. Paulis Schmiersuffkaschemmen „Elbschloßkeller", „Zum Goldenen Handschuh" und wenn nicht da, hängt Honka im „Hong Kong" ab. Er hat schnellen und billigen Sex in Absteigen, Wirte und Puffmütter charakterisieren ihn als „lieben, netten Mensch", oder als unauffällig, ruhig, immer saufend, aber nie aggressiv. Aber in seinem Kopf wird scharf geschossen, sein Inneres ist dauernd im Ausnahmezustand. Sex, wie von einer verwilderten Soldateska, voller Gewalt und einer masochistischen Anbetung des Ekelhaften, Hässlichen und Versehrten. Die Frauen, die er mit nach Hause nimmt, sind meist kaputt, körperlich verfallen und einsamer als Tote, sodass sich niemand an sie erinnert und selbst ein Honka, mit seiner bescheidenen Dachmansarde in Altona und seinem Gnadenjob als Nachtwächter, wie ein Gatsby durchgeht in dieser Welt. Aber das Schmiermittel ist nicht Champagner sondern Fako – Fanta mit Korn, literweise. Honkas Welt als Wille und Vorstellung: „Dann schiebt er den Kittel hoch. Ihm ist gerade alles egal, wenn er nur nicht in das Gesicht mit dem Gebiss gucken muss. Er ist gut darin, sich etwas vorzustellen. ‚Mit schwacher Vorstellungsgabe hält man das alles nämlich nicht aus, da muss man sterben. Auf dem Totenschein steht dann Herzinfarkt, oder so was, in Wahrheit ist es aber mangelndes Vorstellungsvermögen.'"

Während er das Elend fickt, schaut er auf die mit Pornobildern tapezierten Wände und Decken, manchmal auch auf die Puppen auf dem Sofa. Christian Anders ölt in seiner Rauschbirne herum: „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo ... bald bist auch Du genau wie ich allein ..." Vier Frauen nimmt er mit auf diese Reise. Seine Ehrkäsigkeit haben sie verletzt, seiner Welt als Wille und Vorstellung ihren Unwillen erklärt, das ist ihr Ende. Mit dem Fuchsschwanz passend gemacht, werden sie in der Wohnung eingegipst und zutapeziert. Der Gestank, die Käfer und Maden werden mit dem bekämpft, was Honka von seinen Gelichterabsteigen in St. Pauli kennt, um das Nekrotische zu parfümieren. Klosteine mit Tannenduft sind sein „Douglas". „Ein Zug fährt nach Nirgendwo ... und dass ich Dich für immer hab ..."

Das Finale ist so banal wie emblematisch. Ein Feuer lässt alles auffliegen, Presse und Öffentlichkeit weiden sich, neben dem RAF-Terror jetzt auch noch das Schlachthaus im Kleinbürgerviertel. Aufhängen, vierteilen das Tier, mindestens. Die Siebziger setzen sich durch: „Honka wäre ohne St. Pauli nicht möglich", raunt sein Promi- und Schickerianwalt Rolf Bossi. Maßregelungsvollzug in der Psychiatrie, Fako-Entzug und Sedierung, Einhegung als Peter Jensen in ein Alten- und Pflegeheim, Wahnvorstellungen, Herz-Lungen-Kollaps. Tod wegen zu viel Vorstellungsvermögen.

Ausgesoffenes Existenztetrapack

„Der goldene Handschuh" ist trotz seiner Drastik, mit der die emotionalen Abszesse, menschlichen Sekrete, die infernalischen Gelüste und Miasmen einer Latrinenkultur erzählt werden, ein beinahe zartes Buch. Ein Widerspruch? Keineswegs! Die Danksagung Strunks gibt Aufschluss über seine Methode, sich dem Fall Honka zu nähern. Céline, Bukowski, Capote, Houellebecq oder Nick Cave öffneten ihm das Tor zur Hölle, zur Sepsis des Honkakosmos'. Das Studium der Akten des Hamburger Staatsarchivs bildet die nüchterne Matrix für einen Text, der nie der Apotheose der Gewalt verfällt oder sensationistisch die Mordszenen en détail ausbreitet. Das Erforschen eines ausgesoffenen Existenztetrapacks, zerknüllt, weggeworfen, draufgetreten, aufgelöst im Nichts, ist die ganze Erzählung. „Guck dich um, die Leude sind ihr Leben lang beschissen worden. Selbst von der Sonne. Mussu dir mal vorstellen, selbst von der Sonne werden diese Leute beschissen ... Trotzdem geben sie die Hoffnung nicht auf, ganz bis zum Schluss, bis zum letzten Augenblick. Aber Hoffnung ist ein Seil, auf dem Narren tanzen." Das war Honka. Wer es schafft, muss dieses Buch lesen.

Heinz Strunk – Der goldene Handschuh. Rowohl Taschenbuch, 14,00 €

Uranherz Mixology

Werner Bräunig, sein unterdrückter DDR-Roman „Rummelplatz" und die Schlagwetter des Uranbergbaus — ein Essay über Genie, Schweigen und den Preis literarischer Unbestechlichkeit.

Als die begabten, kunstkundigen und moralgenialen Sänger des politischen Anstandes, des seligmachenden sozialistischen Realismus Werner Bräunig zur Strecke gebracht hatten, war er als Mensch vernichtet. Als Künstler verstummt. Kam nicht mehr auf die Beine und starb mit 42 – versehrt von Depressionen, Krankheit und der Flucht in die Ausweglosigkeit des Alkohols. Die große Gefahr gebannt: Genie und Zeichnungsgenauigkeit; Wortmacht und Dialogfunken, verglommen in den Schlagwettern des unter Tage verschütteten Geistes.

Diese Schlagwetter waren sein Thema in dem großen Bergbau-, Entwicklungs- und Gesellschaftsroman „Rummelplatz". Einem Roman, der in der DDR nie erscheinen durfte und auf abenteuerliche Weise 2007 erstmals publiziert wurde.

Was hat man ihm nicht alles vorgeworfen: Verstörer der Jugend, Obszönität, literarische Kraftmeierei, Wirklichkeitsverzerrung. Werner Bräunig war mitten hineingeraten in die kulturpolitischen Auseinandersetzungen der DDR nach dem Mauerbau und erzählt viel von deren Sittengeschichte. Nach einer kurzen Phase der künstlerischen Öffnung und der formalen Vielfalt zogen sich die staatlichen Autoritäten weiter hinter ihren Schutzwall zurück und beendeten die ohnehin sehr gewagte Hoffnung vieler Künstler: Sie erhofften sich durch die Abschottung nach außen eine Chance auf mehr Freiheiten im Innern. Es sollte ein grandioser Irrtum sein, für den Bräunig exemplarisch büßen musste.

Er wurde 1934 in Chemnitz geboren. Aufgewachsen in kleinbürgerlich-proletarischen Verhältnissen, hat er kaum vermittelten Zugang zu Bildung, Kunst und Literatur. Seine ganze Jugend lässt ihn mit einem „Hunger im Herzen", wie er es nennt, zurück. Um diesen zu stillen, saugt er gierig am Leben und durchstreift ruhelos alle Erfahrungshorizonte: Erziehungsheim, Fabrikarbeiter, Schwarzhändler, Rummelplatzhelfer, Bergmann, Gefängnisinsasse, Journalist, Abgeordneter, Schriftsteller – zwei Ehen, fünf Kinder.

Nach seinem Gefängnisaufenthalt sucht Bräunig Halt im politischen und moralischen Korsett der FDJ, später in der SED und beginnt zu schreiben. Da sein Talent aus jedem seiner Texte hervorbricht, wird er einer der Mitautoren des berühmten Appells „Bitterfelder Weg" 1959, jener Aufforderung an die Arbeiter, über ihre Welt schreibend zu berichten und an die Intellektuellen in die Produktion zu gehen, um sich mit dem Proletariat zu verschränken. Dem zwangsläufigen Scheitern dieser Antagonie verdanken wir die Werkthematik berühmter Künstler wie Christa Wolf, Heiner Müller und Brigitte Reimann, dem späteren Büchner-Preisträger Wolfgang Hilbig oder Franz Fühmann. Bräunig verdankt ihm seinen Untergang.

Er nahm die Sache bitter ernst und fand sein Thema in der Arbeitswelt des Uranbergbaus der legendären Wismut. Hier wurde während des Kalten Krieges das Uran für die sowjetische Atomindustrie gefördert – bis zu 200.000 Menschen arbeiteten dort und machten das Gebiet zur größten Förderstätte der Welt. Es war eine Goldgräber- und Männerromantik – „Deutsch-Wildwest" genannt –, mit Frauen, Gewalt und reichlich Alkohol, dem billigen Deputatschnaps – auch „Kumpeltod" genannt. Schonungslos beschreibt Bräunig das raue Dasein und verlässt unter diesem Realismus den verklärenden Blick der propagierten Staatsdoktrin vom Arbeiterparadies. „Schreiben ist wie Bergmannsarbeit … Tief in den Stollen des Lebens eindringen muss der Schriftsteller", notiert er. Und er entwickelt eine sprachliche Schürftechnik, die sich zu einer spannenden, lebendigen und expressionistischen Erzählung aus einer fremden Welt verdichtet. Ein albtraumhaftes Panorama des Überlebenskampfes von Mensch, Maschine und System. Demgegenüber stellt er ein luftig-heiteres Fresco des rheinisch-katholischen Kapitalismus der jungen Bundesrepublik, das sich eher wie Pflichtübungen vor den Normen der DDR-Ideologie ausnimmt. Wirklich unbestechlich und erzählerisch auf der Höhe seiner Brillanz, bleibt Bräunig in den irisierenden Schächten des Erzgebirges und seinen Menschen.

So viel Erhellendes über die tatsächlichen und spannenden Widersprüche der DDR und ihrer Gründungsmythen zu erfahren, schien der SED derart riskant, dass sie das Erscheinen des Buches mit allen Mitteln verhinderte. Auch Bräunig konnte diesen Kampf nicht mehr führen und gab auf. 30 Jahre nach seinem Tod erblickte dieses Monument dann doch das Licht der Welt, aus den Tiefen der Strecke und des Vergessens ans Tageslicht befördert und der Pechblende abgewonnen. Uranerz strahlt und zerstört – vor allem die Herzen der Hungrigen.

Werner Bräunig – Rummelplatz. Aufbau Verlag, 12,95 €


Bahnwahn

Bahnwahn – Abflug Literarische Miniatur

Gunter Gabriel mischt das Bordrestaurant auf. Lederfaltig, charismatisch, ohne Unterlass — ein Beobachtungssplitter über den Fernfahrerpoeten im ICE, Nipponliebe auf dem Display und einen Mann, der gut ist gegen Angst.

„Der letzte Song, den ich gemacht habe über Soldaten, handelt von der Gefahr. Von der Angst, dass Du nach Hause kommst und Deine Frau ist nicht mehr da." Gunter Gabriel mischt das Bordrestaurant auf. Lederfaltig und charismatisch. Kein Angewese von Müdigkeit. Das japanische Pärchen staunt morgensonnig.

Jetzt träumt er davon, mit seinem Namensvetter Espede-Sigmar einen Song aufzunehmen. „Sonst geht doch hier alles in den Arsch." Der Mann redet ohne Unterlass, warum sagt er nichts? Jetzt fabuliert er von seinen Frauen. „Ich hab ja so viele, Druck ohne Ende. Ich war schon immer Schwerarbeiter", du Trottel: Schwerenöter muss es heißen. Die bayerische Reisegruppe, auf dem Weg zum Christkindlesmarkt nach Nürnberg, ist im Bann des Fernfahrerpoeten. Ingolstadt flieht vorbei.

Gunter schreit: „Hey Bayer, komm mal her. Schreib mal Deine Adresse auf, ich schick Dir ne geile Scheibe." „Brauchst net, bin selber Musiker. Posaune und Saxophon." Zum ersten Mal orchestriertes Nichtssagen im Gabrielgunter. Die Nipponliebe amüsiert sich, also jeder auf seinem Display.

Gabrielgunter fragt seine beiden jungen Tischnachbarn: „Wollt ihr Lovesongs oder Malochersongs hören?" Natürlich Liebe. Aber dann: „Kennt ihr John Wayne?" „Nee, nie gehört", ist die Antwort. Fassungslose Schweigigkeit. Themawexel.

Er guntert weiter. „Was, ihr sucht ne Wohnung? Ihr seid Spießer, ich hab 10 Jahre in nem Wohnwagen gelebt. Kann ich euch besorgen. Verstehste? Is geil, vor allem, wenn de pleite bist. Sorry Jungs, ich muss mal schiffen gehen." „Ich hab keine Angst vor dem Tod. Nachher geh ich in die Paris Bar und trink Gin Tonic, verstehste?" Nürnberg schottert vor sich hin. Vor mich haben sich traurig-schöne, grüne Augen gesetzt. „Hey Boss, ich brauch mehr Geld." Hey Bahn, ich brauch mehr Gunterstoff. Der Mann ist gut gegen Angst.

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Bahnwahn – Vorbeiflug Literarische Miniatur

Osten zieht vorbei, Süden fängt an zu riechen — ein Bilderpanoptikum über Merkelenergieräder im Windspiel, Schlehennägel, den Dicken in der Ruhezone und eine Blonde, die sich am Ende einen Schnaps bestellt. Und sie hat recht.

Osten zieht vorbei, Süden fängt an zu riechen. Kinder werden durch Aluminiumhülsen geschupst, pseudokruppische Hochofenröchler, allergengeschwängert. Der Dicke gegenüber sehr hübsch. Er brauche noch eine Weile, um die Karte zu studieren. Mustert mich, weil ich wahrscheinlich nach Gintonic aussehe. Sehnsuchtsmusterung. Das ältere, routinierte Euroreisepärchen deckelt die Zufriedenheit mit Latteirgendwasscheiß und Rotkäppchensekt. Die Kinder haben zu essen, und hören auf zu kruppen. Der Dicke hat sich entschieden und spielt auf seinem Dingsda, liest BZ-Wahrheiten. Freiburg, Bochum, bald wieder Köln. Ein Land, ein Land im Wahnsinn. Lana del Rey faucht. Birkenwälderstümpfe erbarmen sich im Vorbeiflug. Karge Naturerei. Auch ein Himmel, der sich nicht öffnen will, klemmiges Gelicht. Merkelenergieräder im Windspiel.

Aber doch ein Highlight! Blond! Natürlich isst sie Rührei. Einen 800-Seiten-Wälzer, vor sich, um als Display-Wischunterlage für das Lirumlarumgesponze herhalten zu müssen. Die Schmonzette von Daniel Speck hat damit ein gutes Ende gefunden. Die Nägel schlehenblau, bittere Lippen, süße Vergangenheit. Es brodelt in ihr. Augen wie Schießscharten.

Der Dicke hat den Begriff Ruhezone schon längst für sich interpretiert und telefoniert nur dann nicht, wenn die Bahn mal Bahn ist und Tempo aufnimmt, sich in den Antikommunikationsrausch verfährt. Schade, ich hätte noch gerne mehr über die Blutdruckwerte seiner Mutter erfahren.

Die Blonde fasst sich an. Die Schlehennägel haben ein Selfie gegen das Licht gemalt, das wird ikonographisch gestreichelt. Wolfsburg überstanden. Blond sein ist Strafe. Ein Mann – Typ „Ich-bin-doch-so-lieb"-Arschloch – setzt sich zu ihr. In ihrem Gesicht steht die Hilfe geschrieben. Lieber Wolfsburg, als das! Flucht in die Display-Wischerei, ins Nichts. Ich kann nicht mehr. „Ich nehme diese Klopse mit Königsberg und ein großes Bier." Die Blonde bestellt sich einen Schnaps – und sie hat recht!

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Bahnwahn – Traumurlaub Literarische Miniatur

Hamburch verschwimmt hinter dem Rücken — ein Vademecum über Vegandrosseln, den bieräugigen Bildzeitung-Bewehrten und ein Plakat vor der Toilette, das Traumurlaub in Spandau verspricht. Ernst Jünger hat das letzte Wort.

Hamburch, oder wie der Lurch heißt, verschwimmt hinter meinem Rücken. Da sitzt sie wieder, diese Lust an der Einsamkeit. Löffelt Erbsensuppe, vegant biotischen Salat, fernmündlicht unablässig, zählt die vorbeirasenden Flure, liest ungekämmt das Feuilleton der Süddeutschen oder informiert sich über Handstandübungen. Oder schreibt. Der Grüntee hat einen Stich, legt sich gemütlich über die Synapsen. Lieb, aber unsexy.

Per SMS werden Selbstzweifel an mich herangetragen, ich weiß nicht, wie ich antworten soll. „Lover's Rock" von The Clash gibt auch keine Auskunft. Der Osten zischt dahin, Dörfer wie zahnlückenhafte Kindergebisse. Eisverschlierte Bäche und Läufe. Windräder in zahmem Aufstand. Ah, Kraftwerk spielt passend: „Neon Lights"! Die Vegandrossel schaut sich Mode auf dem Apfel-Wischgerät an, der Men's Health Apostel hat sich jetzt vom Handstand zur Psychoseite gewälzt. Der Fernmündliche zupft und kaut nervös-sinnsuchend seine Brille. Jetzt kommt er: breitbeinig, Bildzeitung-bewehrt und bieräugig. Nicht anders zu erwarten, nimmt er den Platz der Erbsensuppe ein. „Ein großes Pils bitte." „Wir haben nur großes Weizen." „Dann bringen sie mir 2 kleine Pils." „Jawohl." Meine Antwort auf die SMS-Selbstzweifel wird als chauvinistisch aber therapeutisch richtig akzeptiert.

Sie haben Zugang zu unserem Hotspot bis 300 kmh, sagen Sie uns ihre Meinung. Würde ich gerne, wir rasen gerade 80 kmh auf freier Strecke, kann ich also nicht. Das Süddeutsche Feuilleton beginnt zu schreiben. Gut, dann gehe ich jetzt mal ins Badezimmer.

„Nächster Halt: Traumurlaub!", schreit das Plakat vor der Toilette. Ich bin gespannt, wir halten ja gleich in Spandau. Ich träume von Dauerspannung. Ernst Jünger schreibt: „So ist auch das Böse, so sind die Mittel, mit denen man sich ihm nähert, und die Träume, in denen man zu ihm vordringt, veränderlich." Der Schlaf.

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Bahnwahn – Bombe Literarische Miniatur

Saalfeld, Thüringen, 11.30 Uhr — ein Kaleidoskop über einen Mann mit Sehnsucht im Blick, eine Ursulinenbombe mit rosa iPad, ein schweigendes Paar wie bei Beckett und eine Musikerin, die am Ende tatsächlich ein Blatt Papier liest.

Saalfeld also. Thüringen.

Ja, Bonmot muss sein, um Türen, um Auswege muss man ringen.

Es ist 11.30 Uhr. Schräg links ein Mann mit viel Bier, riesige Reisetasche, halb gefüllt. Sein Blick ist wieder einer von jenen, die Sehnsucht heißen. Das magische Nichts, die unerfüllte Hoffnung eines Lebens. Spekulation in den Schlund. Ich kann Menschen nicht verstehen, die sich nicht beschäftigen. Warum liest er nichts, oder schaut einen dummen Film? Dieses Starren in die Blödigkeit ist verstörend. Die Stirn in Falten, wie Gebirge. Die Augen so verkarstet und versteppt, wie eine Eiszeitfurche.

Am Nachbartisch eine Bombe! Typ Ursulinenkloster. Aber: Lange Beine und High Heels. Ebenholzgesicht, feine Konturen um die Mundwinkel. Rosa iPad mit rosa Hülle, lila Tanktop mit Sternchenmuster. Unschuldig schuldig.

Der Mann wird angerufen, blüht auf, wird Mensch, lächelt, vor lauter Freude kippt er gleich das ganze neue Bier hinunter. Die Ursulinenbombe zerhackt weiter autistisch und fetischhaft ihre Glasmatrix. Könnte auch ein Dildo sein. Wischen und streichen virtuell. Klosteradaptiert eben.

Hinter dem Mann ein Paar. Seit ich zugestiegen bin, also vor 23 Minuten, habe ich sie noch kein Wort sprechen sehen. Was zur Hölle ist das? Der Osten schleicht an mir vorbei, der Mann ist wieder traurig, sehr traurig.

Vor mich setzt sich eine blonde Lady, Musikerin. Sie schaut ihre Noten durch. Aber seit geschlagenen 38 Minuten nur noch auf ihr Handy, mit diesen irisierenden grünen Augen, die eigentlich Welten erobern könnten. Lutherstadt Wittenberg. Das Paar schweigt noch immer tapfer edwardhopperisch.

Der Mann muss aussteigen. In seiner Verlassenheit liegt doch eine geheimnisvolle Würde. Ich mag ihn.

Die Ursulinenbombe ist aufgestanden und hat mit Bedacht ihren Unterrock immerhin unter das schwarze Garnichts gezüpft, nochmal starrblickig die Runde gescannt und dann trippelnd die Weite gesucht. Schade! Sie ist so gottesfürchtig böse.

Die Musikerin lacht, sie liest und lacht und es ist nicht der verluderte Samsung-Quarz. Es ist ein Blatt Papier!

Eine Mutter mit ihrem Jungen rockt jetzt den Laden. Jedenfalls findet sie das so, da der Kleine alles darf.

Das Paar hat gesprochen, einen Satz – es ist wirklich wie „Warten auf Godot". Der Osten schlängelt sich weiter Richtung Süden, die Energiewende tobt sich flügelhaft aus. Es ist Leipzig.

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Bahnwahn – Notlandung Literarische Miniatur

Ein Mann im feinstem Zwirn, grauburgundersediert, mit Seelenfenstern, die ins Nichts starren — ein Porträt des Verfalls, Tom Waits im Ohr und die Reichsgletscherspalte Leni Riefenstahl am Horizont.

Mir gegenüber im Speisewagen. Ich habe selten einen so fertigen Typen in feinstem Zwirn gesehen. Samsonite, Janker mit Goldkette an Taschenuhr, Lackschuhe, Hirschhornknöpfe, Fönwelle, Speckbacke. Ein Gesicht, so leer, weit und reinholdmessnerundurchfurcht, wie die Antarktis. Während ich diese Zeilen über ihn schreibe, schläft er im Sitzen ein. Grauburgundersediert, keine Hemmungen. Ende 40 und er träumt nicht, er hat nichts mehr zu träumen. Blutunterlaufene Augen, die in das Nichts starren. Er wird nun sechs Stunden in die vorbeirauschende Flurkultur glubschen. Realität nimmt er auf, wenn seine traurigen Seelenfenster sich an den Resopalwänden des Speisewagens verlieren.

Der Zug neigt sich und ruckelt, seine Mundwinkel zucken, der Mann überlässt seinen Körper der Materie, er wacht auf, schenkt nach und blinzelt in die vergangene Zukunft. Tom Waits singt „A Good Man Is Hard to Find".

Ich stelle mir vor, mich mit ihm zu unterhalten. Die Abgründe, das Grauen, das sich hinter der Seidenpatina verbirgt. Was denkt er? Warum lebt er noch? Was hat er erlebt? Ich klaue ihm jetzt seine Goldkette. Wird ihm egal sein, ist alles nur noch lose Erinnerung, er stinkt und schläft wieder. Mit 200 km rast die Welt an ihm vorbei, er beschleunigt im Delirium auf Schallgeschwindigkeit, taumelt, stürzt der Hölle seiner Verlassenheit entgegen.

Es riecht nach Speck, heute ist ein Festtag. Alles kann bestellt werden. Ich lese „Tage der Toten" von Don Winslow. Er bewegt sich und gießt nach, gähnt mit seinen spargelgelben Zähnen in das Mitropaabteil und scheißt auf die Sonne. Er verlischt, ist verloschen. Wir erreichen Nürnberg, die Bonanza der Reichsgletscherspalte Leni Riefenstahl. Ihn hätte sie nicht genommen.

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Tour de Trance — Teil 1

Prolog — Toxischer Alkohol und die Zukunft des Rausches Mixology

Ein vierteiliger Essay über die gesellschaftliche Debatte um Alkohol, Rausch und Genuss — zwischen Kulturkampf, EU-Regulierung und der Frage, was auf dem Spiel steht, wenn Nüchternheit zur neuen Tugend erklärt wird.

Achtung! Hier kommt ein Text aus der Vorhölle des Antiquierten. Die Ansichten des Autors sind aus der Zeit gefallen und das Folgende könnte ihre Gefühle verletzen. Zumal das Thema der gesellschaftliche Umgang mit Alkohol sein soll. Diese toxische, männliche Kulturmissgeburt ist das Synonym für Fussballrandale, Oktoberfestdelirium, Aggressionen, Krankheit und Tod. Alkohol macht Vernunft und Tugend besoffen, Alkohol ist rechtsoffen. In dieser Serie in einem Prolog und drei Teilen reflektieren wir die aktuellen Debatten über den gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol. Droht uns eine restriktive Politik wie in Skandinavien? Haben wir bald Warnhinweise auf Weinflaschen? Droht gar ein weiterer Kulturkampf, diesmal mit den Cannabis-Jüngern? Wie sieht die Zukunft des Genusses und des Rausches aus? Kulturtechniken, ohne die Menschsein nicht denkbar ist. In diesem Prolog werfen wir ein paar Schlaglichter, die in die kommenden Themen der Serie einführen — und noch ausführlicher erörtert werden.
„Ihr könnt uns den Alkohol nehmen, nicht aber den Rausch."Peter Richter — Über das Trinken

Das Schwarzweißfoto ist zur Ikone geworden. Auf ihm ist zu erkennen, wie ein Mann an einem kargen Tisch in einem kommod möblierten Café sitzt. Vor sich eine Karaffe mit Wein, halbvolles Glas. Er löffelt eine Suppe in gekrümmter Haltung. Die nackten Beine krustig vom Staub und Dreck. Vor dem Tisch lehnt sein Rennrad. Ein anderer Mann späht verstohlen durch die Eingangstür, beobachtet den Mann am Tisch und den Kellner, der sich diesem nähert. Der Mann heißt Robert Jacquinot und ist Radrennfahrer. Aber nicht irgendeiner. Er fährt gerade die Tour de France, hat die erste und die dritte Etappe gewonnen, vier Tage das legendäre Gelbe Trikot getragen und befindet sich hier gerade auf der fünften Etappe in Les Sables d'Olonne.

Es ist das Jahr 1922. Ein Jahr später wird er wieder zwei Etappen gewinnen und das Gelbe Trikot tragen. Jacquinot macht also eine Pause und trinkt zur Stärkung ein Gläschen Wein. Es gibt noch andere Fotos von Rennfahrern jener Zeit, die ihre Pause mit einem Gläschen — Wein oder Bier — begleitet haben. Aber keines ist so berühmt geworden. Warum? Es teilt dem Betrachter mit, dass sich hier Askese mit Lust verbindet. Die Lust am Schmerz, der Qual, der „Erfahrbarkeit" körperlicher Grenzen und jener, die das Leben mit seinen Passionen des Genusses feiert.

100 Jahre können viel verändern

Das ist gerade einmal 100 Jahre her. Unvorstellbar. Oft wird in Debatten über Maßnahmen, Gesetze, Vorschriften, Weltanschauungen — im schlimmsten Falle Ideologien —, gesellschaftliche Normen oder normative Ethik auf den Faktor Zeit verwiesen: „Wir sind schließlich in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts." Ein ziemlich dümmliches Argument, da fortschreitende Zeit kein absoluter Wert ist, um Dinge zu rechtfertigen oder zu bewerten. Es würde wohl kein Mensch behaupten, dass die 1940er Jahre liberaler und fortschrittlicher waren als die 1920er oder die 1990er, als die 1970er.

Ebenso ist fraglich, ob die heutige Praxis, sich während der Tour-Pausen in Hotelzimmern Blutdoping transfusionieren zu lassen, einen Fortschritt gegenüber Jacquinots Einguss mit Rotwein darstellt. Offenbar seit Jahren gängige Praxis und Konsequenzen hat das nur, wenn die Sache in flagrante delicto auffliegt. Jacquinot ist jedenfalls niemals kollabierend vom Rad gefallen, war stets ein Sportsmann der hohen Schule und hat ein Leben bis ins biblische Alter geführt. Würde allerdings heute von einem Rennfahrer bei der Tour bekannt werden, dass er abends zur Entspannung nach den Strapazen gerne mal ein paar Bier trinkt, wäre er gesellschaftlich in Acht und Bann, Job und Sponsoren wäre er verlustig, für die Zukunft erledigt. Richtig so! Sportler sind Vorbilder — ach was, „Vorbild" ist auch aus der antiquierten Hölle, Role-Model muss es heißen — und es ist schließlich 2022.

Auto als Bulle

Ab Juli 2022 dürfen in Europa nur noch Autos ausgeliefert werden, die über eine Schnittstelle messen, ob der Fahrer Alkohol konsumiert hat. Das reiht sich ein in die Tendenz, der Technik eine paternalistische Autorität gegenüber der Autonomie des Anwenders einzuräumen. Das iPhone überwacht über Bluetooth angeschlossene Lautsprecher hinsichtlich der Lautstärke, z. B. im Auto. Wird innerhalb einer gewissen Zeit ein vorher festgelegter Grenzwert überschritten, wird automatisch eine Lautstärkelimitierung vorgenommen. In der Literatur werden immer häufiger Romane ausgeliefert, die in Vorstelltexten auf „problematische Inhalte" hinweisen. In den Lektoraten werden zunehmend sogenannte Sensitive Readers beschäftigt, die bereits vorab Einfluss nehmen, auf Inhalte, Gesprochenes und Erdachtes. Sehr zur Freude von Neojakobinern und Tugendwächtern. Als wären wir nicht 160 Jahre weiter seit der Zeit, als Flaubert und Baudelaire ihre Prozesse gemacht wurden. Ja, es ist schließlich 2022.

Wohlgemerkt: Über das „Social Scoring" in China zeigt man sich noch empört. Während das Scoring-System in China mit Wohlverhalten des Einzelnen im Dienste des Kollektivs begründet wird, zieht man in Deutschland (Europa) den Schutz des Individuums zur Rechtfertigung heran. Was geschieht eigentlich in nächster Zukunft, wenn bei einem Autobesitzer dreimal hintereinander von seinem Fahrzeug festgestellt wird, dass Alkohol oder Restalkohol im Atem nachweisbar ist? Das Auto als institutionalisierte, persönliche Verkehrskontrolle. Folgt dann eine Meldung an die Behörden? Fragt der Autor den Sprachassistenten Siri: „Siri, trinkst du Alkohol?", erhält man zur Antwort: „Ich brauche nicht zu trinken, aber ich habe Wissensdurst." Ja sicher, nach meinen Daten, Gewohnheiten und Ansichten. Warum wird überhaupt nur Alkohol am Steuer detektiert? Angesichts der immensen Zahl der Kiffer wäre doch eine Messung des THC-Gehalts über die Haut nur fair. Fragt man Siri, ob sie Cannabis rauche, kommt nur prosaisch: „Nein, tue ich nicht." Fragt man nach Haschisch, wird verschämt erklärt, man wisse nicht, was damit gemeint sei, könne aber eine Websuche starten.

Wein nicht tödlich und die Sonne abkleben

Im Februar 2022 hat die EU einen Krebsbekämpfungsplan beschlossen. Wunderbar, denkt man sich. Die vielversprechende mRNA-Forschung wird großzügig unterstützt, da in ihr berechtigte Hoffnungen liegen, dieser Geißel in Teilen Herr zu werden. Nun verhält es sich aber so, dass sich die Weinbranche Europas freut, dass es ihr (noch) nicht allzu heftig an den Kragen ging. Es geht also vorrangig um Prävention, auch sehr löblich. Vorgesehen waren Etikettaufdrucke wie: „Alkohol ist tödlich" oder „Alkohol ist krebserregend". Das ist gewichen zugunsten von „Informationen" zu moderatem und verantwortungsvollem Alkoholgenuss. Allerdings soll über geänderte Werberichtlinien und Steuererhöhungen nachgedacht werden. Grundlage der Initiative waren Studien, dass es keinen auch noch so milden Konsum von Alkohol gäbe, der nicht gesundheitsgefährdend sei. Bis vor Kurzem gab es eine Fülle von Studien, die genau das Gegenteil behaupteten.

Ein Freund des Autors dieses Beitrages ist ein international renommierter Professor für Biochemie und Ernährungswissenschaften an der ETH in Zürich und bestätigt, dass man hierzu keine validen Aussagen machen könne. Außer natürlich, man gibt sich dem übermäßigen Konsum hin, aber auch da habe man das Problem der Eingrenzung. Es wäre interessant, einmal die Sonnenmilchindustrie ins Visier zu nehmen. Es weiß jeder, dass intensives Sonnenbaden oder gar ein Sonnenbrand Hautkrebs verursachen kann. Verführen die aufgeführten Schutzfaktoren auf den Verpackungen nicht geradezu, immer ans Limit des noch Erträglichen zu gehen? Jedes Jahr erkranken in Deutschland über 200.000 Menschen an Hautkrebs — der häufigsten aller Krebsarten. Solange wir die Sonne selbst nicht abkleben können, wären zumindest großflächige Warnhinweise auf den Verpackungen angebracht, statt sie im Kleingedruckten mit der Lupe suchen zu müssen. Es ist 2022 und man kann unmöglich von selbst wissen, dass man sich beim Sonnenbaden Risiken aussetzt. Man weiß ja auch nicht ohne Hinweis, dass täglich zwei oder drei Flaschen Wein irgendwann dramatische Folgen haben können.

Kein Bier ist auch keine Lösung

Unter dem Suchbegriff Alkohol lassen sich im Netz schnell unzählige Artikel finden, die sich mit den Gefahren des Alkoholkonsums beschäftigen. In den letzten Jahren mit zunehmender Frequenz. Man könnte sie zusammenfassen unter der Schlagzeile: „So gefährlich ist das tägliche Feierabendbier." Meist werden dann Studien referiert, die einen positiven gesundheitlichen Aspekt dank „gesunder Antioxidantien" behaupten, und solche, die das Gegenteil belegen. Selten wird darauf hingewiesen, dass Probanden, die nie in ihrem Leben einen Tropfen Alkohol getrunken haben, kaum bis keine Vorteile davontragen, hinsichtlich einer Suffizienz des Herz-Kreislauf-Systems oder neurologischer Erkrankungen wie Schlaganfälle. Da diese sich nämlich oft in einer sozialen Isolation befinden, sich weniger bewegen, weisen sie einen höheren Body-Mass-Index auf oder leiden unter Bluthochdruck. Die Unwägbarkeiten sind mithin groß.

Gehäuft gelangen im Jahr 2022 Forderungen an die Öffentlichkeit, den Zugang zu Alkohol zu erschweren, insbesondere für Jugendliche. Im März forderte die Grünen-Bundestagsabgeordnete Linda Heitmann, nach dem Vorbild Schwedens „hochprozentigen" Alkohol nur noch in staatlich lizenzierten Shops erwerben zu können. Das wäre dann alles über 3,5 % Vol. Die Berliner Grünen haben sich dem Vorstoß angeschlossen. Tanke, Supermarkt oder Späti wären davon betroffen. Wie diese Rasenmähermethode funktioniert, die aus dem sinnvollen Ansatz, Jugendliche zu schützen, gleich eine ganze mündige Gesellschaft kujoniert, dem sei ein nächtlicher Wochenendbesuch in Skandinavien und zur besonderen Erbauung auf Island ans Herz gelegt.

Man fragt sich, ob man nie dazulernt und das gleiche Milieu, das sich für eine Liberalisierung des Cannabis-Konsums ausspricht, fällt hier in die gescheiterten Muster der großformatigen Restriktion zurück. An die smarten digitalen Möglichkeiten der kontrollierten Abgabe (ohne spezielle Staatsdealer aufzusuchen) scheint niemand einen Gedanken zu verschwenden.

Der Schock

Der globale Rausch ist ein Dokumentarfilm von Grimme-Preisträger Andreas Pichler. Der Film war bisher auf beinahe allen Kanälen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu sehen. Immer wieder wird er dann morgens im Radio reißerisch angekündigt. Wobei die meist weiblichen Moderatorinnen schaudernd davon berichten, wie sie ihre kleine Tochter vor den Gefahren des Alkohols warnen und wie wichtig dieser Film sei. Wichtig scheint auch immer häufiger zu sein, die eigenen Kinder als anekdotische Evidenz für das ins eigene Weltbild eingebrannte gefährliche Leben und den größtmöglichen Schutz vor den Unbilden der Zeit herbeizuzitieren. Kürzlich erst wieder bei radio1 („Radio für Erwachsene" ist der Claim): „Ich habe den Film mit meiner Tochter gesehen und war schockiert." Die Väter dieser Kinder hat man sicherlich bei einem Lesekreis von Ulrich Becks Risikogesellschaft kennengelernt und in der erotisch aufgeladenen Stimmung nach dem Genuss einer Matetee-Pfeife in die Weltwonnen hinein gezeugt. 2022.

Pichler nun fährt groß auf. Die Alkoholindustrie — immerhin nicht „Mafia" — mache jährlich 1,2 Billionen Umsatz weltweit. Sie ist dabei intransparent, keiner wolle mit ihm sprechen, in Bierzelten auf dem Oktoberfest dürfe er nicht drehen. Alkohol zerstöre Gesellschaften, fördere in Afrika Prostitution, verkaufe ein reaktionäres Frauenbild, produziere Krankheiten, Elend und Tod. Es kommen zu Wort ein Verbandsfunktionär für Suchtfragen, dessen paternalistische Empörung in der Mimik so pfäffisch wirkt, als hätte vergorener Messwein seine Gesichtszüge geformt, wenn er über Alkohol spricht. Weiterhin ein ehemaliger Bartender, der sich als Dealer bezeichnet, trockene Alkoholiker und weitere Sturzbetroffene. Jemand aus der Weinwirtschaft versucht sich behutsam und achtsam zu geben, ein Vertreter der Bierwirtschaft (Carlsberg) ist bemüht, seinen Stand zu verteidigen.

Nichts zur Kulturgeschichte des Alkohols, überhaupt seinen kulturellen Implikationen in Film, Musik, Kunst, Literatur. Kaum etwas zum Faktor Genuss. Überall Gefahr, Niedergang, dunkle Mächte, böse Konzerne, Manipulation, Lobbyismus, Marketing. In der Tat schockierend.

Gras, das neue Gold

Gejubelt wird hingegen bei anderen psychotropen Drogen, die sich trefflich gegen Alkohol in den Kulturkampf werfen lassen, dessen Heraufziehen immer deutlicher wird. Drogen, die offenbar ebenfalls ein Rauschproblem, aber kein Imageproblem haben. Im Begeisterungsrausch werden Artikel verfasst über die Chancen der Cannabis-Legalisierung, die noch 2022 (!) erfolgen soll. Ich begrüße das ausdrücklich als überfällige Liberalisierung und wirksame Maßnahme gegen die Kriminalität zum einen und die Kriminalisierung von Konsumenten zum anderen. Die Befürworter träumen aber schon von den immensen Steuereinnahmen, Arbeitsplätzen und freuen sich auf ihre zukünftigen Aktien im Rausch der Zurichtung und Merkantilisierung einer Droge fürs eigene gute Gewissen. Wer einen dicken Wagen fahren wollte, aber den Nazi-Mercedes abgelehnt hat, ist auf den Olof-Palme-Friedens-Volvo ausgewichen. Wer Aktien von Diageo für Teufelszeug und rechts hielt, kann nun auf seine Depots mit den Papieren von „Cansoul Finance" eindecken. Das Unternehmen aus Hamburg bietet den ersten europäischen Aktienfonds für Hanf an. Oder man spielt global und investiert in den kanadischen Riesen „Greenrise", der kürzlich mit „CannaCare", von „Otto"-Versand-Erbe Frank Otto fusioniert hat. Gras ist das neue Gold, green, soft, smart. Die Marketingfusionsmaschine insinuiert den logischen Zusammenschluss aus medizinischen Cannabis-Nutzanwendungen und gesellschaftlich anerkanntem, „progressivem" Rausch-Empowerment.

Man überschlägt sich in Artikeln über Erlebnisse mit Vaporisatoren, mit denen man Cannabis-Blüten konsumiert habe. Dröhnung ohne Joint, also ohne die verpönte Assoziation zur Hasszigarette der Prolls. Ähnlich wie bei den E-Zigaretten wird eine Flüssigkeit verdampft und das Gehirn zeitgemäß-klinisch sauber für die Umwelt verharzt. Das und viele andere Techniken, Qualitäten und Geschmäcker kann man sich von einem ebenfalls in panegyrischer Gedenkprosa herbeigeschriebenen Cannabis-Sommelier erklären und bewerten lassen. Hingerissen werden Bücher rezensiert, die sich mit Meskalin, Mohn und Kaffee als Drogen befassen. Auch der Autor ist fasziniert. Was hierbei leider auffällt: dass die in Bezug auf Alkohol oft fehlenden kulturellen und kulturgeschichtlichen Bezüge stark betont werden (zu Recht), der maßvolle Genuss eine Würdigung erfährt und potenzielle Gefahren nur marginal thematisiert werden.

Grenzerfahrung und geistiges Abenteuer

Noch eine kurze Bemerkung zu dem Begriff der „Gefahr", der in den weiteren Folgen dieser Serie noch ausführlicher beleuchtet wird. Das Enfant terrible der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, das Böse in Gestalt brillanter Stilistik, Ernst Jünger, hat im bereits fortgeschrittenen Alter seinen Großessay Annäherungen. Drogen und Rausch herausgebracht. Bei seinen bürgerlichen und konservativen Anhängern löste er damit Entsetzen aus, aber es war nicht 2022, sondern 1970 und die Hippies waren entzückt. Der Reaktionär auf Psychonautenfahrt. Alles war drin: Bier, Wein, Laudanum, Kokain, Cannabis, Meskalin.

Auch seine legendären Selbstversuche mit LSD-Erfinder Albert Hofmann finden sich dort. Jünger moralisiert nicht, wertet nicht. Er nähert sich der Tatsache an, dass die Menschheit offensichtlich nicht mit einem normalen, alltäglichen Bewusstsein zufriedenzustellen ist. Grenzerfahrungen seien ihr immanent, sei es in der Wissenschaft oder auf der Ebene des Bewusstseins. Hierfür müssen aber dennoch Grenzen gefunden werden, die jedoch stets mit ihren Spielräumen, ihrer liberalen Ausgestaltung komplementär sein müssen. Ansonsten droht der Gouvernantenstaat. Und eines weiß jeder, der sich entschließt, Grenzen zu überschreiten, aber seine Limits nicht kennt, es lauert der Untergang. Jünger wusste es ebenfalls (zitieren wir ausnahmsweise einmal Wikipedia): „Für Jünger sind Exkursionen in diese Terra Incognita mit Gefahr verbunden, dies macht er schon am Eingang (von ‚Annäherungen' M.O.) deutlich, indem er den ersten Abschnitt des Werkes ‚Schädel und Riffe' betitelt, womit er die Nähe des Todes kennzeichnet, der als letzte Annäherung auch das geistige Abenteuer durchwebt."

Die nüchterne Hölle

Der Prolog befindet sich auf der Zielgeraden. Beenden wir ihn wieder mit Jacquinot, aber nicht mit Robert, dem Radrennfahrer, sondern mit Robert Jacquinot de Besange. Er war Missionar in Shanghai, Professor für englische Literatur und ein bedeutender Protagonist des Schutzes der Zivilbevölkerung in Kriegszeiten, die in der Genfer Konvention ihren Niederschlag fand. Als Jesuit fand er immer wieder aus der Frömmigkeit heraus und er stellte den Dienst an Gott auf die Füße, mitten hinein in die Niederungen der menschlichen Unzulänglichkeit. Schließlich haben die Jesuiten so bedeutende Trinker, Raucher, Revolutionäre in der Politik und Sprache wie Fidel Castro oder James Joyce hervorgebracht.

In den nächsten Etappen wird es folglich darum gehen, warum zunehmend ein säkularer Pietismus eine bigotte Frömmigkeit gegenüber einer heiligen Heiterkeit die Oberhand gewinnt. Warum Gesundheitsmodellierer immer stärker in der Gesellschaft den Ton angeben und sich den Hedonismus zum Feind erkoren haben. Vor allem wird es um die Frage gehen, warum diese Adventisten der Tugend aus der kulturellen Tradition ehemals subversiver Szenen kommen und sich konservativer, dirigistischer, autoritärer Rhetorik und Methoden zum Schutz des Menschen vor sich selbst und seiner inneren Begierden bedienen. Alle Argumente werden zu Wort kommen, Gefahren benannt und Sinnvolles zur Regulierung einer immer komplexeren Welt gewürdigt. Die Streiflichter dieses Prologs lassen wir über die gesamte Fläche der zu verhandelnden Materie gleiten und versuchen Fug von Unfug zu trennen.

Auch Peter Richter mit seinem grandiosen Text Über das Trinken wird luzides und beschwingtes beitragen:

„Eine Gesellschaft von lauter Berauschten kann anstrengend sein. Aber eine Gesellschaft, in der alle immer beherrscht hinter verschränkten Armen auf die Späße der anderen warten, um sie dann abfällig kommentieren zu können, eine Gesellschaft von Leuten, die sich in die Hose machen vor Furcht, sie könnten sich auch einmal gehen lassen, eine Gesellschaft von verstockten Angsthasen, Eckenstehern, Zuguckern und Tutmirleidichmußnochfahrensmännern — also eine solche Gesellschaft nur mit Nüchternen und zur Nüchternheit Entschlossenen: Das wäre die Hölle auf Erden."Peter Richter — Über das Trinken

→ Originalartikel auf Mixology Online


Tour de Trance — Teil 2

Das Hirngespinst vom kultursensiblen Rausch Mixology

Ein polemischer Einspruch gegen den Hype um Cannabis-Sommeliers und grüne Rauschversprechen — und die These, dass die Heilsversprechen auf einen kultursensiblen Rausch für immer eine Chimäre bleiben werden.

Der alte Kulturbegleiter Alkohol gerät zunehmend in Bedrängnis. Stattdessen werden grüne Revolutionen ausgerufen, es wird von Cannabis-Sommeliers schwadroniert wie auch von heilsversprechenden Vaporisatoren. Auch die Finanzwelt ist darüber hellwach und begeistert. Im zweiten Teil seiner Serie „Tour de Trance" liefert Markus Orschiedt einen kleinen, polemischen Einspruch, warum uns das nicht zum Ziel eines Weltfriedensrausches führen wird.

Beginnen wir wieder mit einer Bildbeschreibung des Aufmachers. Was Sie in dieser alten Aufnahme eines Lufthansa-Fluges sehen, ist nicht komplett. Es fehlen noch eine Schrankwand im Gelsenkirchener Barock, eine Schachtel „HB" und ein Drehaschenbecher. Dann ist das Schreckensensemble, das der urbane Zeitgeistmensch gerne exorzieren will, komplett. Er rast stattdessen gerne in der Aluminiumröhre nach Thailand und erzählt sich anschließend lustige Geschichten von authentisch gekleideten Thai-Muttis, die pünktlich zur Fullmoon-Party die Haschcookies und MDMA aus dem Schoß gezaubert haben.

Oder er fährt gleich nach Amsterdam, wo das zu bestaunen ist, was nun auch in diesem Land ansteht. Coole, dauerbekiffte, achtsame, wohlhabende Menschen, die mit Gesinnung Geld im Überfluss generieren. Das alles fantasiert sich der pseudo-progressiv erwachte Berlin-Mitte-Spießer herbei, so wird es ihm und ihr auf den asozialen Kanälen in die synaptische Petrischale unter der Frisur eingenebelt. „Investieren sie in die grüne Revolution." „Grüne Legalisierungswelle im Anmarsch". „Spektakulärer Milliardenmarkt entfacht." Ja, Revolutionen waren bekanntlich schon immer lukrative Anlageobjekte. So wird der sinnsuchende Schwachkopf noch sinniger. Kiffen für die westlich-weißen-Wohlstandstaugenichtse. Heineken & Co sind scheiße, werden Sie der erste grüne „Cannabis-Millionär, laden Sie unseren Depot-Katalog herunter". Das „Glasperlenspiel" von Hermann Hesse war dagegen eine antiesoterische-wissenschaftliche Kulturinterpretation. Es ist zum Verzweifeln.

Dröhnskala nach oben offen

Warum so hart? Warum nicht? Es scheint im deutschsprachigen Ereignisraum Mode zu sein, funktionierende Kulturen gegen alternative in Opposition zu bringen, anstatt sie parallel existieren zu lassen. Was bemüßigt eine unterbelichtete Geistesschickeria dazu, heroisch gegen den Alkohol zu Felde zu ziehen und die eigene, nach oben offene Dröhnskala mit neomissionarischem Eifer zu messen und den Al-kuhl (arabisch für Alkohol) in den Abyss zu vermaledeien? Schauen wir uns die Pharisäer des guten Draufseins mal genauer an.

Der Blätterwald ist voll von bewundernden Artikeln über den sanften Rausch, die grüne Versagerdrogenapologetik. Da wird schwadroniert von Cannabis-Sommeliers und von heilsversprechenden Vaporisatoren. Worum geht es eigentlich? Der Rausch definiert sich als ein geistiger Zustand der Ekstase, der das Gehirn und das Gemüt in eine Transzendenz jenseits der Normalität überführt. Je nach Kultur werden hierfür unterschiedliche Mittel genutzt. Diese Grenzüberschreitung unterliegt der Kontrolle, will sie nicht zur Sucht werden. Auch sind Verklärungen zu vermeiden, wie etwa vom Erfinder des LSD, Albert Hofmann, der auf einem seiner Trips eine Ansammlung von Bäumen zum „Wald im Glanze sprechender Schönheit" herbeihalluzinierte.

Das ist Rauschlyrik und sonst nichts. Gut, Alkoholtrinker sehen nur doppelt, ohne Glanz und Patina. Andererseits kennen wir den berühmten Text von Platon „Das Gastmahl". Hier werden mittels der Gabe des Weines Gedanken und Dialoge in Schwung gebracht. Es wird über Erotik und Kunst philosophiert, literarische Konzepte besprochen und mit feiner rhetorischer Klinge die Unbilden des Lebens weggelacht. Der Alkoholrausch im Übermaß hat sich schon immer selbst düster reflektiert. Wir kennen die Divergenz von „richtigem" und „falschem" Trinken seit William Hogarth und seinen Zeichnungen. Da ist die „Gin Lane" mit Absturz, Elend, Verfall, Methomanie. Dagegen die „Beer Street" mit gemütlicher Geselligkeit, behäbiger Ausgelassenheit ohne Folgen. Aber bereits das gilt heute als gefährlich. Bei der Unterteilung zwischen einfachem und pathologischem Rausch ist der Alkohol stets als letzterer markiert.

Hier sei nochmals betont, dass der Rausch nie auf eine bestimmte Substanz zu reduzieren ist. In unserem Sprachgebrauch kam er etwa im 16. Jahrhundert auf. Wortstämmig aus dem Mittelhochdeutschen „riuschen", was in etwa „anstürmen" oder „ungestüm" meinte. Aber bereits in der Steinzeit wurden dem frühzeitlichen Met Halluzinogene wie etwa Fliegenpilze, Bilsenkraut oder Stechäpfel zugesetzt. „Reuschlin" war der Ausdruck für leichte Trunkenheit. Ob man so weit gehen muss, den Urin des verfliegenpilzten Schamanen zu trinken, wie es in Russland weit verbreitet war, sei dahingestellt.

Sex? Morgen vielleicht

Aber halt! Die inbrünstige neozeitliche Verklärung des „grünen Rausches" samt Börsennotierung erinnert schon stark an die katholische Liturgie mit dem Weihrauchritual, nebst dem psychoaktiven Wirkstoff Incensol. Haschisch ist seit Jahrtausenden bekannt, lange vor der christlichen Zeitrechnung. Reflektiert man die heutige Debattenlage, wäre zu fragen, ob man sich nicht der kulturellen Aneignung schuldig machte, wenn man wie die Inder vor 3.500 Jahren Cannabis raucht, oder dem Peyote-Kaktus nach Art der Native American Church frönt. Nein, das Lesen von Karl May, der niemals ein Milligramm CO2 für seine Hirngespinste freigesetzt hat, ist der eigentliche Frevel 2022.

Verklärend erklärend wird dem braven Westmenschen der Cannabis-Vaporisator, statt des vom Dunkelalkohol verblödeten Kolonialistengehirn, als luzide Rauschgutigkeit referiert. „Es handelt sich dabei um einen akkubetriebenen Apparat, der die berauschenden Wirkstoffe der Cannabis-Blüten nicht durch Verbrennen freisetzt, sondern durch Erhitzen auf eine Temperatur zwischen 150 und 230 Grad", schreibt Heiko Zwirner in einem Artikel für die „Welt".

Diese Berauschungstechnik, die sich liest wie ein Saunaaufguss, sei in den USA im Mainstream angekommen und „to vape" wurde zum Wort des Jahres 2014 gewählt, der „Budtender", also der Cannabis-Fachverkäufer, war in der engeren Auswahl. Der Biertrinker zählt zum Standardkulturbotschafter der Trailer-Parks und in seiner Ursuppe schwimmt das verkommene Amerika der Waffenlobby und des Cowboy-Bonanzatums. Ganz nebenbei haben die „Vapos" noch den Tabak besiegt, da im Gegensatz zum Joint seine Beigabe überflüssig ist. Es ist also mithin nichts Geringeres erreicht, als die engelsgleiche Droge für den lendenlahmen Großstädter mit Haltungsnote eins. Lendenlahm? Ja, will nur keiner wissen. Maßgebliche Untersuchungen weisen darauf hin, dass Cannabiskonsum bei Jugendlichen zu schweren psychischen Schäden mit Langzeitwirkung und bei Erwachsenen zu Libidoverlust bis zur Impotenz führen kann. Ist bei Kiffern aber auch sekundär. Sex? Lass uns das auf morgen verschieben.

Grüne Börsenmongolen

Stattdessen werden ganz neue Geschäftsfelder eröffnet. Aktuell arbeitet die Regierung an einem Gesetzentwurf, um die Freigabe von Cannabis zu organisieren. Ich freue mich schon auf den Innovationskick, der davon zu erwarten ist und im Gegenzug sollten unbedingt backsteingroße Warnhinweise zur Toxizität des vergorenen Rebensaftes auf Weinflaschen Pflicht werden. Scheiß auf den Wein und seine Jahrtausende alte Kultur. Oder gar den Sommelier. Jetzt schlägt die große Stunde des Cannabis-Sommeliers. Der Sommelier verkostet bekanntlich, schluckt aber nicht. Der C-Sommelier macht es dann wie Bill Clinton: Ficken ohne zu ficken und Kiffen, ohne zu inhalieren.

Das Zertifikat lässt sich in Kanada in zwei Tagen erwerben und tatsächlich geht es um olfaktorische und sinnliche Kompetenz. Der C-Sommelier ist — manchmal — ebenso nüchtern, wie der Wein- oder Wassersommelier. Er vermag zu unterscheiden zwischen aufputschendem, frischem Marihuana und eher dumpfen, retardierenden Sorten. Nun gut, sparkling Riesling oder Burgunder im Schlafrock. Der C-Sommelier hantiert mit getrockneten Blüten, Ölen, Kapseln, Edibles, Gleitgelen oder Badezusätzen. Von der Wiege bis zur Bahre sind alle dabei. Die C-Sommeliers versprechen dem urbanen Antiwüstling des fair gehandelten Rausches Aromen von Nüssen, Eiscreme und fernen, exotischen Früchten. Der sehr sympathische C-Sommelier Thomas Rothmeier sagt im „Iconist"-Interview: „Ich persönlich konsumiere Cannabis größtenteils in Form von CBD-Blüten, um tagsüber weniger gestresst zu sein, und THC-Blüten, um abends schneller einzuschlafen." Klar, er war ja auch nicht gestresst. Ich konsumiere tagsüber eine Flasche Vodka mit Red Bull und bleibe am Ball und abends — dann schlafe ich aber bestimmt — Rum mit heißer Milch.

Wimpernschlag der Zivilisationsgeschichte

Warum steht das jetzt alles hier? Ich habe überhaupt kein Interesse daran, gegen Cannabis und dessen Konsumenten zu polemisieren. Ich bin nur eines überdrüssig: Der ewigen Kulturkämpfe, des verabsolutierenden Verbösen von sozial in Verkehr gebrachten Kulturtechniken, Stoffen und Prozeduren. Auch diese Zeit ist nur ein Wimpernschlag in der langen Zivilisationsgeschichte des aufrecht Gehenden. Wir werden nicht weiterkommen, wenn wir unsere Hervorbringungen, statt sie kritisch zu begleiten, gegeneinander in Stellung bringen.

Das im Aufmacherbild gezeigte Szenario ist aus der Zeit gefallen — zu Recht. Die Heilsversprechen auf einen kultursensiblen Rausch werden für immer eine Chimäre bleiben. Daran wird auch die „grüne Revolution" der Börsenmongolen nichts ändern.

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Tour de Trance — Teil 3

Allen Gefahren wohnt ein Zauber inne Mixology

Neopuritanische Tendenzen, das Oktoberfest als Konsensrave und die Frage, ob Gefahr nicht erst den Genuss definiert — über Hedonismus, Autonomie und die schleichende Erziehung zur Unmündigkeit.

Der aktuelle Zeitgeist ist von neopuritanischen Tendenzen geprägt. Unter dem hehren Ziel der Gesundheit werden Sinnlichkeit und Lebensfreude an den Pranger gestellt — oftmals ohne es dezidiert zu wollen, oder gar zu begreifen. Markus Orschiedt mit Teil Drei seiner Serie über die Menschheit und den Rausch.

Zu Beginn dieser Woche konnte man wieder Zeuge sein bei den seit Jahren mit beeindruckender Stumpfsinnigkeit zelebrierten Ritualen rund um den weltweit größten Rave. Das Oktoberfest mit seiner offenen Gersten-Drogenszene und den Live-Performern in futuristischen Kostümen aus fernen Welten bläst zum kollektiven Rausch.

Auf den ersten Fotos und Filmschnipseln wird ersichtlich, dass sich das als Konsensrave bezeichnen ließe. Alle gesellschaftlichen Schichten fallen im Lallen übereinander glückselig her. Die Reaktionäre der CSU Arm in Arm und offenherzig mit den Lusträubern und Entsagungsgurus der Grünen — was für ein Schauspiel. Schon werden Videos gepostet, auf denen doch tatsächlich zu sehen ist, wie ein Paar einvernehmlich kopuliert, unter der Bierbank ein Handjob erledigt wird und — shocking! — auf einem Tisch ganz öffentlich von Dirndl- und Trachtenträgern fette weiße Lines durch Hunderter gezogen werden. Verspottet von den Neojakobinern als deutsche „Leitkultur". Ja, auch Moralsturzbesoffene beklagen den Untergang des Abendlandes und die Dekadenz. Als herauskam, dass die konsumierten weißen Linien ein speziell für den Bierrave produzierter Schnupftabak ist, flüchtete sich die Empörung in die, trotz des Schaumes vor dem Mund, schale und abgestandene Routinephraseologie: toxische Männlichkeit, sexistisch, Gewalt und Schlägereien, Kapitalismus, Energieverschwendung, Alkoholhölle — verbieten müsse man so was.

Mit dem Verbieten ist das so eine Sache, das kann für die Regierenden schnell gefährlich werden, wie die Münchner Bierrevolution vom März 1844 zeigte. Da musste der bayerische König Ludwig I. eine Bierpreiserhöhung nach heftigen Protesten und Aufständen zurücknehmen. Die Bierriots wurden von manchen Historikern als Vorboten der Revolution von 1848 gesehen und ein gewisser Friedrich Engels schrieb, dass die Volksmassen „schnell erkennen werden, dass es ebenso einfach ist, ihr (der Obrigkeit) auch bei wichtigeren Angelegenheiten das Fürchten zu lehren." Es gibt eben nicht nur den Rausch des Verbots, sondern auch den Rausch des Aufruhrs.

Auf die beinahe zwangsläufige Notwendigkeit eines irgendwie gearteten Rausches sind wir ja bereits im Prolog, dem ersten Teil dieser Serie, kurz eingegangen.

Unterscheidung von vulgärem und kultiviertem Trinken

Sollten wir den Hedonismus zurückdrängen, auf alle Grenzüberschreitungen, egal welcher Provenienz, verzichten, zugunsten einer risikobefreiten, auf Reinheit und Tugend verpflichteten Lebensweise? Ist die nur noch der Gesundheit vorauseilend dienende Bedürfnisbefriedigung der Sinn des Daseins? Peter Richter schreibt dazu in seinem Buch Über das Trinken: „Heisst das, die Gefahren zu verharmlosen? Absolut nicht: Es heisst, sie zu bejahen. Es heisst, sie ins Auge zu fassen. Und zu lernen, trittsicher drumherumzutanzen."

Die Literatur und die Philosophie über frühere Hochkulturen sind reich an Mythen über das Trinken, über die Vorzüge und die Gefahren. Ob Platons berühmtes „Symposion", die Legende von Enkidu aus dem „Gilgamesch"-Epos, einer der ältesten Großdichtungen der Menschheit vor 5000 Jahren. Stets geht es um die Unterscheidung von vulgärem und kultiviertem Trinken. Von Suff und Genuss. Verbot und kontrollierter Legalität. Es hat sich nicht viel an den Debatten verändert.

Klarer Kopf als Voraussetzung für den Erfolgsrausch des Neoliberalismus

Allenfalls der gesellschaftliche Wertewandel führt zu sichtbaren Steuerungseffekten, die ein Gesetz nur bedingt herbeizuführen vermag. Als US-Präsident Richard Nixon gegen das Three-Martini-Lunch agitierte, war das Gejohle unter Journalisten und Politikern weithin vernehmbar. Es war eine Männerwelt, auch wenn es an trinkfesten Frauen in diesen Kreisen keinen Mangel gab. Alles andere wäre nur Klischee. Richter schreibt dazu, es sei ein „Armdrücken mit der Leber" gewesen: „Mit Blick auf die Lebenserwartung kann der Berufsstand der Journalisten heilfroh sein, dass diese Zeiten vorbei sind. Was frühen Tod anbelangt, konkurrierten Journalisten traditionell mit Gastronomen, Kellnern, Barleuten. Also ihren engsten Freunden."

Auch in der Politik schien in dieser Zeit so manche Krisensitzung, Verhandlungen über Krieg und Frieden vom Alkohol zu einem guten Ende geführt zu haben. Das Wort von der „Friedensnobelpreisleber" machte die Runde. Heute unvorstellbar, wo bereits ein Glas Wein oder Bier zum Mittagessen skandalisiert wird. Alkohol ist das neue Nikotin. Wie beim Tabak wird Alkohol zunehmend delegitimiert. Der Konsum im allgemeinen, ob zu Genuss- oder Rauschzwecken, spielt keine Rolle, soll von gewissen Interessengruppen ausgehend geächtet werden, gar zu normabweichendem, pathologischem Verhalten deklariert werden. Richter erwähnt, dass Henry Ford oder Rockefeller konsequente Prohibitionisten waren, die befürchteten, dass trinkende Arbeiter die Funktionsweise ihrer kapitalistischen Produktionsmodelle stören könnten. Mein marxistischer Philosophieprofessor Fritz Haug sah das ebenso: Der klare Kopf ist die Voraussetzung für den Erfolgsrausch des Neoliberalismus. Der dauerkranke Nietzsche sah Gesundheit als „dasjenige Mass an Krankheit, das mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen."

Neopuritanischer Impetus

All das spielt im Augenblick dem Zeitgeist in die Hände, der aus meiner Sicht stark von einem neopuritanischen Impetus markiert ist. Unter dem hehren Ziel der Gesundheit werden Sinnlichkeit und Lebensfreude in den Senkel gestellt — oftmals ohne es dezidiert zu wollen, oder gar zu begreifen.

Jede Regulierung unseres Konsumverhaltens ist nicht nur ein Eingriff in die persönliche Autonomie, sondern eine Attacke auf unseren sinnlichen Ausdruck und bedarf einer Begründung. Wieso steht Genuss unter Risikovorbehalt? Der Konsument, der Bürger als Akteur, gilt a priori als Verschmutzer, degeneriert, gefährlich, unmündig. Daher leiten sich Forderungen ab nach Sex mit vertraglicher Abmachung, Alkohol und Drogen unter staatlicher Abgabe, behördliche Kontrolle auf Fleisch, Zucker und Fett. Statt über Aufklärung soll über dirigistische Eingriffe die Hoheit über den Verbraucher erlangt werden. Das birgt die schleichende Gefahr der Erziehung zur Unmündigkeit. Das ist hart formuliert, die Tendenzen sind aber nicht von der Hand zu weisen.

Der Bürger als Funktionsträger einer reinen Welt. Noch mokieren wir uns über das chinesische Modell des Social Scoring. Aber die Künstliche Intelligenz kann auch demokratische und plurale Gesellschaften ins Wanken bringen. Die eine Maßnahme ist immer nur die Vorstufe für die nächste. Verhaltensweisen sind über Daten messbar und manipulierbar, auch wenn sie für einen sogenannten übergeordneten guten Zweck erhoben werden.

Von Sigmund Freud gibt es den Terminus der „rauschhaften Askese". Sie kann völlig legitim in der Tat für den einzelnen Menschen eine Freude sein und ist dann auch nicht zu kritisieren. Wird sie zunehmend zur Reinheitsfantasie von Gesellschaft und Politik, trägt sie den Keim des Unfreien in sich.

Bedingung für ein lohnenswertes Leben

Der renommierte Philosoph Robert Pfaller hat vor Jahren bereits ein wunderbares Buch Wofür es sich zu leben lohnt geschrieben. Die Kernthese ist, dass wir natürlich vorher bereits wissen, dass manchen Genüssen, wie Alkohol oder Tabak, Gefahren innewohnen, diese aber erst den Genuss definieren. Unter Verweis auf die allseits bemühte Risikovorsorge soll das eliminiert werden. Laut Pfaller sind diese unguten Begleiterscheinungen, die mit dem Genuss in seiner Gesamtheit verbunden sind, aber erst die Bedingung für ein lohnenswertes Leben:

„Ohne die Verrücktheiten der Liebe, … ohne die Unappetitlichkeiten und Schamlosigkeit der Sexualität, ohne die Unvernunft unserer Ausgelassenheit, Großzügigkeiten, Verschwendungen, … Feierlichkeiten, Heiterkeiten und Rauschzustände wäre unser Leben eine abgeschmackte Abfolge von Bedürfnissen und — bestenfalls — ihre stumpfe Befriedigung; eine vorhersehbare, geistlose Angelegenheit ohne jegliche Höhepunkte, die insofern mehr Ähnlichkeit mit dem Tod hätte, als mit allem, was den Namen des Lebens verdient."Robert Pfaller — Wofür es sich zu leben lohnt

Nun, insofern hat das Oktoberfest noch ein langes Leben vor sich. Selbst, wenn der Schnupftabak echtes Koks wäre, es Darkrooms wie im gefeierten „Berghain" gäbe und darin CSU und Grüne gemeinsam ihren Spaß hätten, der Volksbierrave geht einfach weiter und ignoriert die Empörung. Das garantiert schon die Funktionslogik. Solange der Rave mehr Geld verdient und Steuern abwirft als er Schäden verursacht, wird es schwierig sein, ihn abzuschaffen. Aller Risikovorsorge zum Trotz.

Falls nicht, hat Peter Richter eine interessante Prognose formuliert: „Sicher ist nur, dass mit dem Trinken ein uraltes Menschheitswissen verschwinden würde. Die Rauschmittel und Benebelungstechniken, die an seine Stelle treten werden, die werden dafür dann absolut neu, ungewohnt, gefährlich und überraschend heftig sein, dass wir uns davon heute noch gar keine Vorstellung machen können."

Genau dieses Szenario wird Gegenstand der vierten und letzten Etappe der Tour de Trance sein.

Quellen: Robert Pfaller — Wofür es sich zu leben lohnt, Fischer Taschenbuch Verlag · Peter Richter — Über das Trinken, Goldmann · Christoph Lövenich / Johannes Richardt (Hg.) — Geniessen verboten, Novo

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Tour de Trance — Teil 4

Die Zukunft des Rausches (falls es ihn noch gibt) Mixology

Das Finale Furioso: Kneipe, LSD und Ökologie, Alcarelle, Transhumanismus und Microdosing — über die Zukunft des Rausches zwischen Biohackern, Singularität 2045 und Harald Juhnke.

In unserer Schlussetappe zum Thema Rausch wird es noch einmal spannend. Wie wird der Alkohol der Zukunft konsumiert? Wie sehen Gesellschaft und Drogenkonsum überhaupt aus? Welche Bedeutung werden psychoaktive Drogen wie MDMA, Psilocybin und LSD haben? Wie hängt das alles mit Grindern, Microdosern, Kybernetik und der prognostizierten Singularität 2045, also dem Transhumanismus zusammen? Vorhang auf für das Finale Furioso unserer vierteiligen „Tour de Trance".

Zunächst noch einmal zurück in eine analoge, rückständige Zeit — die Zeit der Kneipe und des Bieres als Sinnbild für eine abgestandene Welt, die überwunden werden muss. Eine Welt der Arbeiter, Fußball-, Faschings- und Oktoberfestproleten und warum der westlich-urbane Zeitgeist damit nichts mehr anfangen kann. Dessen Probleme und Lösungen bewegen sich allerdings oft nahe am Obskurantismus und werden teilweise vertreten von Menschen, die noch vor nicht allzu langer Zeit Beschwörer von einem positivistischen Wissenschaftsbild waren. Stichwort „Deep Ecology" und LSD. Selbst Elon Musk darf nicht fehlen. Wir werden sehen.

Die Kneipe als Gegenöffentlichkeit

Beginnen wir mit der Kneipe. Wir kennen sie seit der Antike als sozialen Ort. In der jetzigen Form ist sie eine Hervorbringung der Industrialisierung seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Wohnungen der Arbeiter, die zu den Fabriken in die Stadt strömten, waren ärmliche, überbelegte Behausungen. Um dem zu entfliehen, boten sich die kleinen Spelunken an. Sie hatten eine Funktion als Schnittstellen zwischen Arbeit und Familie. Sie waren Debattierklub und stellten eine schwer zu kontrollierende Gegenöffentlichkeit dar. Kneipen waren in der ganzen Welt oft Ausgangspunkt von Unruhen und Aufständen. Aber sie sind auch Mikrokosmos und Verhandlungsort von anderen Alltagskulturen wie Fußball. Fußball und Bier, eine toxische Mischung nach Meinung von Gesundheitspolitikern und Suchtforschern.

Eine kürzlich gesendete Dokumentation positioniert sich ganz klar: Werbeverbot für Bier, kein Ausschank im Stadion, Sport und Alkohol — auch alkoholfrei — sollten nicht assoziiert werden, Jugendschutz. Vor der Kamera kommen zu Wort ein harter Stadion- und Kneipenalkoholiker, ein Suchtforscher einer katholischen Forschungsstelle und Gesundheitspolitiker, die das unterstützen. Gegenpositionen werden geframt als Branchenvertreter, finanziell abhängige Vereinsbosse, deren Aussagen eindeutig negativ kontextualisiert werden. Der Betrachter soll sofort spüren, dass sie auf der falschen Seite stehen. Menschen von gestern.

Vielleicht ist das so. Schließlich stirbt zumindest die Kneipe langsam aus. 2001 gab es noch 48.000 Kneipen. 2019 nur noch 29.000 und nach dem ersten Coronajahr waren es noch 22.500. Nach den Ursachen befragt, werden Individualisierung und Selbstoptimierung genannt. Ein Menetekel auch für Bars? Was das mit der Zukunft des Rausches zu tun hat, schauen wir uns mal genauer an.

LSD und Ökologie

„Wie können Drogen helfen?" So lautet der Titel einer Dokumentation über psychoaktive Drogen auf „arte". Bereits der Titel setzt den Ton. In der Tat zeigt die Geschichte des LSD seit seiner Erfindung durch den Schweizer Wissenschaftler Albert Hofmann im Jahre 1938 zu psychotherapeutischen Zwecken den Irrsinn im Umgang mit Drogen. Im Folgenden wird ausgeführt, dass LSD, wenn es nicht missbräuchlich in zu hoher Dosierung eingesetzt wird, wie dies vor allem in den 60er und 70er Jahren in der Hippie-Gegenkultur geschehen ist, ein probates Mittel ist, um seine Wirkung bei der Behandlung von Suchtverhalten, posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen zu entfalten.

Zu dieser Gruppe zählen auch MDMA und Psilocybin. Nach der Diskreditierung als Massendroge folgte ein totales Verbot. Wortreich und unter ausführlicher Erörterung durch den zu einiger Berühmtheit gelangten Psychopharmakologen David Nutt wird erörtert, dass dies vor allem die wichtige Forschung an LSD ausgebremst habe. Zitiert werden Wissenschaftler und Literaten, die vor allem die Fähigkeit zur Transformation zu blockierten Bewusstseinszuständen hervorheben. Ein Verbot folge nur gesellschaftlichen Logiken und müsse zugunsten medizinischer Logiken aufgebrochen werden.

Ehrfürchtig werden auch seit Jahrtausenden praktizierte Riten und Kulte von Schamanen mit psychoaktiven Substanzen referiert. Man müsse über Grenzerfahrungen heraus aus der Enge der menschlichen Existenz. Drogen machen süchtig aus sich selbst heraus? Mitnichten, entscheidend sei immer das soziale Umfeld, wie das berühmte Rat-Park-Experiment bewiesen habe. Dass diese Stoffe die Funktionsweise des Gehirns stimulieren und neuronale Verbindungen erlauben, die sonst blockiert sind, würde ja mit einem Verbot quasi das menschliche Gehirn kriminalisieren.

Fällt Ihnen etwas auf? Seit etwa 20 Jahren wird wieder intensiv mit LSD, MDMA und Psilocybin geforscht und in der Tat sind die therapeutischen Ansätze unbestritten. Dann kommt noch eine erstaunliche Aussage von David Nutt, die nach Verschwörung klingt. Warum sich das nicht in großem Maße durchsetze? Die INDUSTRIE. Diesmal wird sie nicht beschuldigt, aus Profitgier eine Volksdroge zu produzieren, sondern sie nicht herzustellen, weil damit zu wenig zu verdienen gäbe. Argumentativer circulus vitiosus.

Dann wird es spirituell und esoterisch. Man kommt auf die Tiefenökologie (Deep Ecology) zu sprechen. Dahinter verbirgt sich eine grüne Bewegung, die von dem norwegischen Philosophen Arne Næss begründet wurde. Ehemaliger, hochgeachteter rationaler Positivist und Wissenschaftsverfechter (Wiener Schule), hat er sich später der Metaphysik zugewandt. Die Dokumentation trägt die Hypothese vor, dass durch die Verabreichung von LSD eine besondere Verbindung zur Natur und zu einem planetarischen Verständnis verstärkt wird. Laut Næss müssen wir unser metaphysisches Verhältnis zur Natur verändern, um die ökologischen Probleme zu lösen. Hierbei seien psychedelische Drogen sehr hilfreich. Aha! Nun gut, man kann auch argumentieren, dass man im Vollrausch die Anzahl der Bäume erhöhe, da man doppelt sehe. Quasi eine Anschauung erhalte, wie vollkommen doch die Natur sein könnte.

Jedenfalls gilt abseits von allem Mummenschanz: Sowohl bei Einschränkungen und Verboten von missliebigen Drogen (Alkohol), als auch bei der Forderung nach Zulassung und Entkriminalisierung von Substanzen bedient man sich des Vehikels der Gesundheit oder gar der Heilung des Planeten.

Droge und Gesundheit

Man kann das alles machen. Was stört, ist nicht die Debatte und die Aufklärung über die Gefahren des Alkoholmissbrauchs, missvergnüglich daran ist der Bias, die Verzerrung, mit der sie geführt wird. Es sind die kleinen, aber wirkungsvollen Twists, die in der medialen Berichterstattung beinahe immer auftauchen. In Berichten über Alkohol fallen regelmäßig die Begriffe Lobby, Industrie, Konzerne. Hingegen handelt es sich um Experten, Produzenten oder Aktivisten, wenn es um Drogen geht, die man spannend findet und aus der Illegalität holen will. Sowohl bei der Einschränkung oder Verbotsforderungen gegenüber der Alkoholwirtschaft, als auch bei der Forderung nach Legalisierung genehmer Drogen, bedient man sich des Vehikels der „Gesundheit". Dabei ist das einzige Mittel, um Prohibitionen, welcher Droge auch immer, zu vermeiden: Aufklärung.

In den Industrieländern sinkt der Alkoholkonsum seit Jahren, bei Teenagern hat er sich in den letzten 15 Jahren halbiert. Laut dem Weltdrogenbericht der UN konsumieren weltweit ähnlich viele Menschen Cannabis wie vor zehn Jahren; obwohl immer mehr Länder den Genuss straffrei stellen und die Weltbevölkerung anwächst.

Was hingegen expandiert, ist die Anzahl der synthetischen Opioide, Cannabinoide und Amphetamine mit erheblichem Suchtpotenzial. Bei Opioiden ist der Anstieg rasant. Nicht nur in den USA, sondern auch im Globalen Süden, vor allem Afrika. Kokain ist in manchen europäischen Metropolen bereits Alltagsdroge. Die Konzentration in den Abwässern übersteigt an den Werktagen die an Wochenenden. Der „War on Drugs", den Richard Nixon einst ausgerufen hatte (der sich aber in Wahrheit, wie wir heute wissen, gegen politisch unliebsame gesellschaftliche Gruppen richtete), ist längst verloren.

Was also tun? In einer offenen Gesellschaft bleibt nur ein Weg: Legalisieren, Aufklären, kontrollierte und lizenzierte Abgabe der am meisten konsumierten und zu Unrecht kriminalisierten Drogen. Die ständig wachsende Zahl noch abgefahrener Designerdrogen wird man ohnehin nicht in den Griff bekommen.

Was aber wäre mit einer Lösung für die weltweit meistkonsumierte Droge Alkohol? Hat David Nutt die Lösung, um Rausch mit Gesundheit zu versöhnen? Er stellt das jedenfalls seit über zehn Jahren in Aussicht. Angeblich sei er in der Lage, ein Getränk herzustellen, das zwar wie Alkohol berauscht, aber keinen Vollrausch zulasse. Es stimuliert die Rezeptoren im Gehirn, die dafür nötig sind, verursacht aber keinen Kater und schädigt weder Nervenzellen, noch Organe. Er nennt es „Alcarelle". Man könne sogar Cocktails damit mixen. Er besetzt damit ein Thema, das die Funktionswelten westlicher Gesellschaften optimieren würde. Saufen ohne Nebenwirkungen, als Psychonaut 48 Stunden Raven ohne Absturz, kreativ und voller Energie arbeiten, ohne körperliche Abhängigkeiten. Nur Spinnerei?

Transhumanismus. Mensch 2.0

Im Jahre 2045, also in nicht einmal einer Generation, erleben wir die sogenannte Singularität. Laut Ray Kurzweil, Googles ehemaligem Chefingenieur, wird dann die Menschheit 2.0 die biologische Begrenzung durch die Verbindung mit Maschinen — den Transhumanismus — überwinden. Möglich wird dies in dieser Geschwindigkeit, weil die biologische und technische Evolution nicht linear, sondern exponentiell verläuft, so die These. Die maschinelle Intelligenz, mit der der Mensch gekoppelt ist, wird sich jenseits der humanen Fehlerhaftigkeit selbstständig machen und ständig weiterentwickeln und ins Unendliche steigern. Nanoroboter in unseren Blutbahnen kontrollieren Viren und Krebszellen. Das Gehirn wird durch Neuroimplantate ermächtigt, die immer weiter entwickelt schließlich dafür sorgen, dass es beinahe ohne Kohlenstoffbasis Bewusstsein erzeugt. Die Singularität ist da. Die Unsterblichkeit durch künstliche Intelligenz (KI) nahe.

Oder, sie wird uns alle umbringen. Das behauptet jedenfalls Elon Musk. Auch er forscht mit seiner Firma „Neuralink" an KI und Gehirnimplantaten, will sie aber ausschließlich zur Überwindung schwerer Erkrankungen einsetzen. Er arbeitet dazu mit einer Universität zusammen und plant in naher Zukunft erste Versuche am Menschen. Weltweit sind bereits 180.000 Menschen mit Hirnimplantaten ausgestattet. Jenseits der Hoffnung, durch Stimulierung der Suchtzentren den Menschen von Süchten heilen zu können, ist evident, dass der Mensch der Zukunft sich seinen Rausch ebenfalls stark modifiziert herbeisehnt.

Biohacker, Grinder, Enhancer

Bereits der Begründer der Kybernetik, Norbert Wiener, warnte zugleich vor den Gefahren. Dennoch kam es ab den 1960er Jahren zu einer eigentümlichen Verbindung aus Mensch-Maschine und LSD, die sich bis heute fortsetzt. Unter LSD, das ergeben Hirnscans, schließen sich unterschiedliche Hirnareale, einschließlich des visuellen Cortex, zusammen. Sie bilden unter Umgehung der Bewusstseinsbremse „Ich" ein biologisches Netzwerk, wie auch Computer es können.

Biohacker, oder auch Grinder oder Enhancer genannt, versuchen die natürlichen Grenzen des Menschen mithilfe von Technik und Drogen zu überwinden. Diese Transhumanisten sehen sich als Pioniere auf dem Weg zu einer zweiten Alphabetisierung des Menschen. In der stetig wachsenden Szene lässt man sich allerlei Technik unter die Haut implantieren, um Dinge zu steuern. Zusätzlich geht es darum, den Körper und die geistige Leistungsfähigkeit zu optimieren.

„Ich bin 32 und habe 200.000 Dollar für Biohacking ausgegeben. Bin dünner, extrovertierter, gesünder und glücklicher geworden", erklärt der Third Waver Serge Faguet, ein erfolgreicher IT-Unternehmer. Alexander Wendt dazu in seinem Buch Kristall: „Seit dem Beginn seiner Selbstbehandlung, schreibt er, habe er 26 Prozent Körperfett verloren, seinen Testosteronspiegel gesteigert, er schlafe besser, sei ausgeglichen und habe großartigen Sex. Neben Kraftsport, dem Schlucken von Hormonpräparaten und einem fett- und kohlenhydratarmen und entzündungshemmenden Speiseplan (Fisch, Avocados, grüner Tee) gehört zu seinem Programm die Einnahme des Wachhalters Modafinil, des Stimmungsstabilisierers Lithium und des Zufriedenmachers MDMA."

Schöne neue Welt. Wendt fasst zusammen: „Es sind mehrere Dinge, die im Transhumanismus zusammenkommen, klassische, auf neue Weise benutzte Drogen, injizierte Substanzen, von denen möglicherweise neue, auf Gentechnik basierte Varianten entstehen, ständige Implantate und drittens — diese Möglichkeit bietet wahrscheinlich mehr als alle anderen zusammen — der Anschluss an die kommende künstliche Intelligenz." Der Jenaer Professor Robert Feustel, der zur Kulturgeschichte des Rausches promoviert hat, warnt hingegen eindringlich vor diesem Irrweg. Was wie Optimierung aussehe, münde in einer sklavischen Hingabe und Konformität mit den technischen Gegebenheiten und sei das weit geöffnete Tor in die Kontrollgesellschaft.

Microdosing und Harald Juhnke

Das alles ficht die höchst aktive Gruppe des „Third Wave Movement" nicht an. Ihr Gründer (es ist nicht nur eine Bewegung, sondern auch ein Unternehmen: thethirdwave.co), Paul Austin (paulaustin.co) ist das ideale Testimonial. Blendend aussehend, bei bester Gesundheit, eloquent, witzig, hochkonzentriert und von ausgefeiltem Duktus. Er propagiert einen klugen Umgang mit Drogen, dazu gehört das Microdosing. Etwa ein Zehntel der „normalen" Dosis von MDMA oder LSD sind ausreichend. Dadurch werde das Gehirn stimuliert, ohne die rauschhaften, visuellen Nebenwirkungen. Kreativität und Konzentration würden unterstützt. Beim grünen Tee berichtet er gegenüber Alexander Wendt, dass auch Steve Jobs angeblich unter LSD zu bahnbrechenden Erkenntnissen kam. Austin gibt Onlinekurse zum Thema Microdosing und Drogen. Welche sozialen Kompetenzen erlange ich mit dem Wirkstoff der Magic Mushrooms, dem Psilocybin, wie kann ich den Flow meiner Arbeit mit LSD optimieren? Kokain sei öde, da ein reiner Treibstoff — Marschierpulver. Von Biohacking halte er auch nicht viel, da es nicht den Zielen des Third Wave Movement entspreche. Diese bestünden nicht in messbarer Leistungsteigerung, wie beim Biohacking, er wolle informieren. Und Geld verdienen.

Denn das ist letztlich die Konsequenz all des Biohackings, Selbstoptimierens und Microdosings. Ebenso wie die Wünsche nach Verboten und Einschränkungen von Alkohol und anderer Drogen. Es geht darum, den Menschen mit dem Gesundheits- und Glückshebel zuzurichten als funktionstüchtiges Mitglied einer idealen Gesellschaft ohne Betriebsstörungen. Um die perfekte Einbindung in kapitalistische Kreisläufe ohne Ausfälle oder große Hindernisse. Aber das ist ein anderes, weites Feld. Austin ist sich bewusst, dass er ein elitäres Projekt einer gut verdienenden urbanen Avantgarde verfolgt, dem das Elend der Unterprivilegierten, vor allem der von der Opioidkrise betroffenen Arbeiterschaft, entgegensteht. Ausgelöst wurde diese tödliche Welle übrigens durch OxyContin, ein hochdosiertes Schmerzmittel aus der GesundheitsINDUSTRIE, das schnell zur Droge wurde.

Wir müssen also nur bis 2045 durchhalten, um unsterblich zu werden und zu unbegrenzt leistungsfähigen Cyborgs zu werden, die angetrieben von Drogen-Microdosing, schlaflos die nächste Evolutionsstufe erreichen. Quasi frei nach Harald Juhnke. Was ist Glück? „Keine Termine und leicht einen sitzen." Das warte ich dann alles mal in einer der letzten Kneipen beim Bier ab.

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