Markus Orschiedt sitzt neben einer Bronzestatue auf einer Parkbank

Foto: Markus Orschiedt

Ausstellung

Kuratorisches Projekt

„Der freie Wille"

Im Sommer 2005 leitete Markus Orschiedt das dreimonatige Festival „10 Jahre arena Berlin". In diesem Zusammenhang war er verantwortlich für die konzeptionelle Ausgestaltung der Ausstellung „Der freie Wille", die in einem überfluteten Keller in Treptow an der Spree stattfand und von Römer&Römer kuratiert wurde. Es entstand ein Katalog, für den er einen Beitrag verfasste.

Die Ausstellung wurde von Michail Gorbatschow eröffnet, dessen Rede Markus Orschiedt verfasste.

Lesebuch in Arbeit

Ländporn

Zurzeit arbeitet Markus Orschiedt an einem humoristischen Lesebuch über die Stadt-Land-Verwerfungen. In Streiflichtern wird vom Leben in der Metropole und dem Erleben auf dem Land erzählt. Nichts wird verdammt, romantisiert oder Feindschaften künstlich herbeifantasiert. Dennoch zeigen sich deutliche kulturelle und habituelle Brüche, die in feuilletonistischer Leichtigkeit als sprachliche Bildwelten vor dem geistigen Auge des Lesers entlang gleiten.

Roman

Roman in Arbeit
2033 — Oder das Böse

Ein Roman über die Katastrophen der Zeit und das Böse als ihr bestimmendes Prinzip. Was wie eine Dystopie beginnt, birgt ein überraschendes Ende — und Hoffnung.


Letzte Träume

Der Kampf war beendet und ging weiter. Die Klinge, grünhäuptig und silbrig glänzend, schlug krachend, mit einem Hieb bis ins Mark vordringend und die Knochen zersplitternd und schmatzend gab das Fleisch die Worte wieder frei, die sich wie Myriaden Metallsplitter im Kraftfeld eines Magneten, an die beiden Schnittkanten des Spalteisens drängten. Es folgte der nächste mächtige Schwung in das welke Gewebe, um es zu reinigen, die Materiehaufen, die vielen Worte, die sich zu eisigen Kometen geformt hatten; Kometen, die ihn immer schneller und bedrohlicher umkreisten und auf ihn niederzustürzen drohten, abzustreifen und zugleich den aus vernarbtem Gallert sich klumpenden Kadaver in Blöcke zu sprengen. Von wilder Wut getrieben, riss er das mächtige Gerät erneut in die Höhe und verlor den Boden unter den Füßen. Er taumelte dem noch nicht entborgenen Licht entgegen. Ein gezielter Schlag aus dem Nichts hob ihn wieder auf die Beine und ließ ihn wieder — diesmal mit Bedacht — das Eisen über seine Schulter führen, bereit zum nächsten Streich. Im fiebrig-grellen Dunkellicht taumelte er erneut und immer weiter, um dann innezuhalten. Mit geschlossenen Augen dachte er: Immer verzeihen, immer auf der Flucht, Ausflüchte, klein sein. Groß, aber nicht gut scheitern. Armut, keine Ideen, keine Bücher, keine Worte.

Es gab kein Verzeihen mehr, keine Schonung! Von nun an gibt es nur noch Vernichtung! Schemenhaft waren sie auszumachen hinter dem wabernden und stinkenden Schleier. Die miasmatischen Worte, die anwuchsen zu Ungetümen. Findend holte die Hand aus, um das Gekröse endgültig zu entfernen. Er wand sich und surrend ging der Streich nieder. Der Harnisch prasselte und die blutige Feuchte spritzte wie ein pulsender Geysir. Dann war Ruhe. Nur noch leicht ausblasend buckelte der unstillbare Brodem. Nun war die Klinge stumpf und er geriet in den zähen Grund lähmender Tiefen. Tappend vorwärtsdrängend ergriff der Sog ihn und das Eisen schwoll an zu einer verlorenen Hoffnung. Wieder und wieder. Er ließ es fahren …

Die Schlinge löste sich, und er schrie die Hebamme an, sie möge doch endlich die fleischige Bindung zur Dunkelwelt trennen. Der geschundene Leib der Frau war einverstanden. Ein Schnitt. Kurz noch suppte das versorgende Gewürm — dann folgte der Schrei in die schalltoten Jahre des Lebens: Licht!

Seine Gedanken nährten sich und wuchsen an zu Strömen und mäanderten über die Wiesen seiner Kindheit, schlugen sich Flure und Wechsel durch das Unterholz, knackten über herabgefallenes totes Geäst, erreichten schließlich die erste große Lichtung und traten auf das offene Feld, dessen Ausdehnung am Horizont vom Grollen der Straße eingefasst wurde. Die Weite lag im Zwielicht und selbst der hellrunde Mond vermochte den unter ihm ruhenden Schnee nicht zu tünchen. Nun sammelten sie sich wieder und entwickelten sich zu einem langsamen, dann immer schneller werdenden, alles mit sich reißenden und unterpflügenden Lahar. Einem Brei. Und immer wieder tauchte aus diesen Fluten ein Lächeln auf, um wieder zu verschwinden. Ein Lächeln ohne Gesicht und Gestalt. Ein stummes Lächeln ohne Augen, Zähne, Lippen. Es wurde einfach aus dem Gebrodel hervorgehoben und versank erneut. Seine Gedanken nahmen weiter Fahrt auf. Sie bildeten Schichten, die sich übereinanderlegten, und rasten immer schneller den belebten und lärmenden Straßen entgegen. Er griff nach der Zigarette und ließ die Flasche mit dem geliebten Midleton, die er bis zur Neige geleert hatte, auf den Boden gleiten. Er verlor das Bewusstsein, hatte es schon lange verloren. Es roch nach Apfel und Bananen, Gräsern und Honig, Malz und Torf.

Als er wach wurde, spürte er den methomanischen Ausdünstungen nach, der Hölle in seiner Morgenröte entgegen. Aber der Wahn schien zerstoben, seine diabolische Ursuppe in einem Flakon gefangen. Und sofort war auch die Erinnerung an den vergangenen Tag verflogen. Es war Zeit aufzubrechen.

Das bei jedem Schritt knackende Weiss wirkte wie ein Metronom, das seine Gedanken im Takt hielt, die in wechselnden Bildern um die Ereignisse der letzten Tage kreisten. Um die Kräfte der Vernichtung und Zerstörung, die Lüge und das dämliche Lächeln aus einer Fratze des Abgrunds. Um die Wiedergeburt aus dem Nichts, die Rückeroberung der geraubten Normalität, die mysteriöse Überwindung des Abgrunds und den in Bann geschlagenen Untergang. Die Tugend und die Moral sind das Böse. Der Verstand will um den Verstand gebracht werden. Die Sprache ist das Schlachtfeld. Der Text darf nie fertig sein, nicht für Niemand.

Die bleiernen Tage verdichteten sich ihm zu einer alles verschlingenden kritischen Erinnerungsmasse, die in einer Supernova zu einer nicht mehr lebensfeindlichen kleinen neuen Welt implodierte. Sein Herz ein alles verschlingendes Schwarzes Loch. Dennoch: Sein kondensierter Atem wurde zu kleinen Wolken, zu Gebilden der Hoffnung und Leichtigkeit. Also holte er tief Luft und blies die geballten Ansammlungen der Zukunft aus, die langsam aufstiegen und sich auflösten. Wenn er seine Schritte beschleunigte, gelang es ihm darunter wegzutauchen und vorzudringen zu einer Möglichkeit. So viel ihm an diesem Morgen auch der Umgang mit den anderen leicht. Es gab eine gemeinsame Sprache, eine übereinstimmende Wahrnehmung. Ein Spiel gelang. Ein Tag wollte gelingen.

Doch es war ein Trugschluss, eine Chimäre. Es wartete die Kälte der Endlichkeit, die Bedrohung einer eisigen Steppe. Die jeder Behaglichkeit innewohnende Gemessenheit, das gleichförmige Dahinströmen der Zeit und die berechenbaren Handlungen gerieten in Bewegung und nahmen Fahrt auf, wie ein altes U-Boot in dessen Innerstem sich der Teufel als blinder Passagier bereit macht das Kommando zu übernehmen. Und so kämpfte er bei vollem Bewusstsein gegen die Gewissheit an, nur weil er es befürchtete. Befürchtete tatsächlich aufzuhören zu atmen, nur weil er es befürchtete. Und je mehr er kämpfte, um so näher schob sich die Konsequenz des Ereignisses an jede Faser seines Körpers. Schweiß brach ihm auf die Stirn. Eine kalte Hitze durchströmte seinen Körper und durchdrang mit Nanosonden seine Poren. Er dachte nur: auftauchen! An die Oberfläche! Luft!

Der Schnee lag hier nicht mehr ganz so hoch und die Strecke bot mehr Abwechslung. Er wusste nicht, warum, aber seine Stimmung begann, sich aufzuhellen, und so lief er ohne Zögern und Beklommenheit los. Die Kiefern standen ruhig im leichten Wind, der ab und zu etwas Schneepulver wie Puderzucker von den Wipfeln fegte und durch das Dickicht zu Boden stäubte. Hinter einer Lichtung lagen drei Pfühle, von denen einer eine kleine Insel hatte, zu der er manchmal im Sommer hinausschwamm. Sie waren von Schilf und Farnkraut umwachsen, das nun spelzig und kauernd dem Frost trotzte. Man erzählte sich, dass sie entstanden sind, nachdem der Teufel aus dem Nachbarwald mit riesigen Felsbrocken nach den Menschen geworfen hatte, die ihm zu Nahe gekommen und seine Ruhe gestört hatten. Diese Geschichte zog ihn zauberisch an und er kam so oft, wie es ging an diesen Ort. Jetzt waren sie zugefroren und ihre Eispanzer ließen den letzten Schimmer der Abendsonne auf sich tanzen.

Die Kräfte schwanden. Das Leben schlich sich aus seinem Körper wie der Angel's Share aus den Eichenfässern voller Lebenswasser. Er drückte immer fester zu, mit einer Kraft, die für einen Mann in seinem Alter erstaunlich war. Er wollte gar nicht mehr loslassen. Dem Leben ganz fest die Hand halten. Das Bier, der Whisky die ihn stets begleitet und die Schlacken in seinem Wanst zurückgelassen hatten, aber auch alle Langeweile gebannt hatten, schlugen auf ihn ein, bis er sich erbrechen musste. Er wollte sie nicht mehr bei sich behalten. Zu spät. Als alle Vitalität den Raum verließ, drehte er sich noch einmal um, hob die Hand und winkte ihr zu, dann ging sie und schloss die Tür. Es war vorbei. Der Albtraum und eine alttestamentarische Liebe zu den Worten verglommen im Ascheflug und entschwanden nach den zehrenden Jahren, in einer milden und bewahrenden Erinnerung.

Hörspiel

Hörspiel Auszug
Tage des Zorns

Nach Motiven von Friedrich Reck-Malleczewen und seinem „Tagebuch eines Verzweifelten" — ein Hörspiel über Widerstand, innere Emigration und die Verzweiflung des Einzelnen angesichts von Weltdummheit und Nationalsozialismus. Zwischen sardonischem Humor und Hoffnung.

Tage des Zorns
Hörspiel von Markus Orschiedt

Nach Motiven von Friedrich Reck-Malleczewen
„Tagebuch eines Verzweifelten"
Die Andere Bibliothek, Eichborn Verlag
Herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger

Text: Markus Orschiedt


Besetzung der Charaktere

Friedrich Reck-Malleczewen
Oswald Spengler
Adlatus
Martin Heidegger
Gottfried Benn
Ernst Jünger
Carl Schmitt
Clemens von Franckenstein
Hans Albers


Szene A — Prolog

Gutshof Poing im Chiemgau

(Dies Irae von Jenkins — dann Hundegebell. Im Hintergrund Naturidyll. Dann das Scharren einer Schaufel. Reck vergräbt ächzend sein geheimes Tagebuch und monologisiert.)

Reck:

Troglodyten, Unterirdische, elendes Gezücht! Eigentlich müsste man dieser Saubande das Grab schaufeln und diese stinkenden Leiber, diesen Brodem längst verwester Geister darin versenken, statt ständig aufs Neue Worte ins Dunkel zu buddeln. Den Hunden müsste man sie zum Fraß vorwerfen, wenn man nur sicher wäre, dass die nicht dran verenden. Seit über 3 Jahren lassen wir uns in diesem Land beleidigen und leben im Morast. Zum Speien diese Dummheit, diese haltlose Zerstörung der Kultur — Technik und Masse —; weiße Nigger, wo man hinschaut. Verniggerung der Herde Volk! Politik als primitive Form des Einbruchsdiebstahls und der Wegelagerei … mit einem Personal von Koberern, Wirtshausschlägern und Börsenzuhältern. Der Staat im Dreck, seit alles nach der Nation schreit — und schreien tun sie ja immer lauter seit 1789 … Ja, formlose, teigige Massen auf der Jagd nach Geld. Triebgesteuerte Weiberregimenter. Das ureigene menschliche Orakel, die Magie: zerfressen von den Zahnrädern der Mechanik, hilflos der Zivilisation ausgeliefert. Flüsse, Wälder, Landschaften … verkommen zu Industrieparks, zu Missgeburten der Moderne. Alberichs Vision von der Unterwerfung der Welt — ein Dreck dagegen. Alles steht unter dem Druck des Kessels und versinkt im nebligen Dampf der kochenden Aktion. Blut und Boden werden uns gratis dazu serviert — zugrunde gehen sollen sie daran, an ihrem heroischen Pöbel-Mythos der Verwegenheit.

Stimme: Heidegger

Wege, befreiend den Schritt zurück für seinen Gang, gerufen aus Anklang, geringem, aus anderer Gegend des Anfangs. Und wieder die Not zögernden Dunkels im wartenden Licht der entzogenen Lichtung des noch sich verbergend-verbergenden Vorenthalts: Armutbereite Stätte sterblichen Wohnens. Doch kaum je gewährt ist reines Ende den Wegen des Denkens. Es hieße: noch unterwegs.


Szene B, I — Mai 1936

Wohnung Oswald Spengler, München

Reck:

Spengler, sie werden immer fetter! Sie vergeben sich die Chance, den von ihnen heraufbeschworenen Untergang des Abendlandes bei teilnehmender Gesundheit zu erleben. Seien sie etwas weniger Renaissancemensch, bitten sie ihren Adlatus, auf Mäßigung acht zu halten.

Spengler:

Sie sind gespreizt, Reck, mein verehrter bayerischer Junker. Macht denn ihre Verelendung gute Fortschritte? Nun, immerhin haben sie es diesmal unterlassen, in ihrem degoutanten Tropenanzug durch München zu paradieren und mich somit hier in der Straße erneut zum Gespött zu machen. Aber geben wir den Degen aus der Hand und kehren mit dem Florett auf die Planche zurück.

Reck:

Gut, gut, ich werde mich auch in dieser Disziplin justieren. Aber sagen sie, nach all den Jahren war es mir noch immer nicht vergönnt, einen Blick auf ihre monströse Bibliothek zu werfen. Ihr eilt ja ein beachtlicher Ruf voraus — zum Fürchten! Sie sollen ja kaum das Haus verlassen haben, um ihr monumentales Œuvre zu schaffen; konnten aus dem Vollen schöpfen. Lassen sie mal sehen, von wo aus sich dem Abendland der Orkus aufgetan hat.

Spengler:

Ja, ja, äh … sicher … Der wissenschaftliche Teil befindet sich an einem sicheren Ort, zusammen mit meinem Privatarchiv. Die Anfeindungen und Drohungen haben sich seit meinem Rückzug aus dem Nietzsche-Archiv ins Unermessliche gesteigert. Wenn sie mir folgen wollen. Wir sollten aber zügig zu Tisch gehen.

(Einige Schritte. Pause. Schmunzeln. Blättern, Buchdeckel klappen zu.)

Reck:

Nun gut, Spengler, sie schämen sich für meinen Tropenanzug — offensichtlich haben sie aber auch allen Grund, sich des hier zu Besehenden nicht eben zu rühmen. Wo haben sie denn den ganzen Schweinkram her? Herrlich … Ah, immerhin! De Sades „Philosophie im Bodoir" … Respekt! Sie führen ein nuanciertes Liebesleben zwischen Buchdeckeln, wie mir scheint. Oh, ich sehe, es ist ihnen unangenehm … kommen sie, wo bleibt ihr Humor? Gut, lassen wir es dabei und halten es für heute mit Platons Gastmahl und spüren dem Eros beim Wein nach. Aaah, ihr Adlatus erwartet uns bereits.

(Esszimmer Spengler. Ein schweres, schläfriges Atmen und Schnarchen. Der Adlatus wird im Verlauf des Essens nur aus seinem Schlaf erwachen, um gestochen scharfe oder delirante Kommentare wie in Trance zu äußern.)

Spengler:

Er ist wie immer eingenickt, der Tölpel. Angeblich die Auswirkung seiner Malaria.

Reck:

Er wird schon wieder zu Bewusstsein kommen. Was meinen sie, Spengler, nun beginnen ja bald die Olympischen Spiele, und der böhmische Anstreicher malt der Welt ein Idyll. Der ganze Zinnober soll ja von der Reichsgletscherspalte dokumentiert werden.

Spengler:

Äh, bitte? … Von wem bitte?

Adlatus:

Leni Riefenstahl …

Reck:

Welch Freude, er weilt wieder unter uns!

Adlatus:

Leni Riefenstahl: vulgo Reichsgletscherspalte. Schauspielerin und Regisseurin. In ihren Bergfilmen häufig dramatisch in den Seilen hängend und daher vom Volksmund so tituliert.

Spengler:

Ja, sauber! Reck, das sind circensische Darbietungen, wie sie allen Cäsaren der Geschichte bisher zu Gebote standen. Allerdings wäre es gut, wir verfügten über einen solchen; aber wir kommen ja nicht über einen Oberförster ex negativo hinaus!

Adlatus:

Vorsicht, Meister! Den „Oberförster" wird der Krieger Ernst Jünger ihnen wieder abjagen, so wie weiland bei seiner „inneren Mobilmachung".

Reck:

Ein wahrer Jünger seines Herrn!

Spengler:

Essen sie, Reck. Schlagen sie sich den Bauch voll und trinken sie. Ich werde keine Rücksicht nehmen, jedem seine Beute … Wissen sie, das mit dem Jünger und seinem Plagiat an meiner Formel vom ‚Krieg als dem Schöpfer aller großen Dinge' …

Adlatus:

Nietzsche: Geburt der Tragödie … 1871 … Deutsch-Französischer Krieg —: Homer, Ilias, dionysisch-heraklitische Welt, militärischer Genius … Krieg … Vater aller Dinge, die Untergründe des Seins aufschließen, tigerartige Vernichtungslust an der Zivilisation … Kultur! — Wasser bitte!

Spengler:

Ersauf doch, du Weideacker der Anopheles!

Reck:

Spengler, sie bellen!

Spengler:

Scheiß drauf! Das war zwar präpotentes Gehabe aus der Etappe, Dickstrahlpisserei auf die verschütteten Schützengräben — sei's drum. Wir stehen am Scheideweg, sie haben recht: Er ist ein treuer Jünger, aber mit Schmiss. Wir brauchen, um zu überleben, geistige Tatmenschen und keine gewissensgeplagten Judasevangelisten, das begreifen sie doch? Also zum Teufel mit den Plagiaten! Die großen Ideen kommen nicht immer auf Taubenfüßen daher. Es haben immer nur jene Völker dem Tode zu trotzen vermocht, denen die Taten wichtiger als die Wahrheit und die Macht die Gerechtigkeit dominiert hat. Humanismus und Parlamentarismus sind nichts weiter als die ideelle Aufteilung der Schwäche, des kulturellen Aases, welches die Sieger zurückgelassen haben, nachdem sie den Riss gefleddert haben: das Teilen der Reste unter Verlierern, die genau wissen, wenn sie nun auch noch anfangen, um diese Lappen zu kämpfen, sind sie dem kollektiven Exitus geweiht.

Adlatus:

Noch ein Stück Brust, Meister, oder etwas von der Keule?

Reck:

Starke Worte für den Haus- und Hofphilosophen der Schwerindustrie. Ihnen muten die reichhaltigen Soßen der Oligarchie wie das frische Blut des heldisch geschlagenen Fellachen an. Vergessen sie's, Spengler. Die Zeit ist an ihnen vorbeigezogen, der faustische Mensch scheint ihnen bereits weit enteilt zu sein. Seien sie auf der Hut, dass sie nicht selbst zur Beute werden. In diesen Zeiten geraten betrunkene Steuerbeamte, wild gewordene Feldwebel, kleinwüchsige Schwarzwälder Denkwebel, Achtelprostituierte, rheinisch-katholische Adventisten wie dieser brillante Opportunist Carl Schmitt …

Stimme: Carl Schmitt

Die Macht der Entscheidung hat kein anderes Fundament als den Willen zur Macht; statt Legitimation die Intensität eines ursprungsmächtigen Augenblicks.

Reck:

… in den Sog dieses Unglücksstaates und der Waffen-SS, in der festen Überzeugung, sie retteten damit das Abendland und mit ihm die frühen Visionen eines Spengler. Der schleckt aber inzwischen die Töpfe des Geldadels und sitzt hier mit dem Gestus eines Snobs in Aspik.

Spengler:

Vom Florett zur Streitaxt — endlich sind sie jetzt germanisch-national bewaffnet, soll ich sie rittmeistern, Herr Baron? Auch sie haben zunächst unterschätzt, dass sich das mächtige Phänomen Nationalsozialismus mitsamt seinem primitiven rassischen Biologismus zu Weltfestspielen des Todes entwickelt. Wir können nicht weiter hoffen, dass sich die Zerstörung des Staates — eingeleitet durch die weibisch-amerikanische Demokratie — von diesen nationalen Mechanisten der Macht, diesen Einpeitschern der tumben Massen, gerettet wird. Kulturen sind Organismen und die Weltgeschichte ist ihre Gesamtbiographie — da haben wir uns im Moment leider mit fauligen und schwärenden Mutanten zu beschäftigen. Die Blüte unserer Kultur war der Absolutismus, in Deutschland namentlich der preußische. Dessen Untergang haben wir mit der Französischen Revolution eingeleitet …

Reck:

Irrtum! Das begann bereits im Spätmittelalter — da hat uns die Renaissance aus dem Paradies vertrieben und zu entmündigten Massenmenschen werden lassen. Der größte Frevel war, uns der Placenta des Magischen zu berauben. An ihrer statt fanden wir, als wir wieder zu uns kamen, nichts als die öden Schaltpläne des technischen Funktionalismus, die Baupläne der entzauberten Welt.

(Adlatus rülpst. Schmatzend setzt Spengler seine Rede fort.)

Spengler:

Geschenkt. Seit 1789 strebt die abendländische Kultur ihrem Verfalldatum entgegen. Seit sie die Macht des Geldes zum Primat erhoben hat, zerstört sie in selbstmörderischer Art Freiheit und Demokratie und liegt im Sterben. Der gesellschaftliche Korpus ist so ausgehöhlt wie die Karkasse der Gans auf meinem Teller. Die Kultur ist nur noch die leere Hülle der Zivilisation, und Hitler hat die Massen endgültig vor seine Lafetten gespannt, um mit ihnen den Friedhof der Geschichte zu stürmen. Es gibt kein Entrinnen mehr … Reck, essen sie, nicht so zaghaft … Die westlichen Zivilisationen haben den Menschen — sie erwähnten es bereits — durch Aufklärung und Rationalismus von der Religion entfremdet. Mündigkeit und Freiheit sind die Metaphern für Geist und Geld in ihrer innersten Beziehung. Der Zivilisationsmensch denkt nur noch in Geld … Und so leben wir in einer Epoche der Finanzmagnaten, Börsenspekulanten, des Kunsthandels und der Korruption. Die stinkende Währung hierzu ist der US-Dollar. Das Abendland aber hat noch nicht die Kraft, diese fatale Periode zu unterbrechen. Aber warten sie es ab! Der Hunger nach Metaphysik und der von ihnen bezeichneten Placenta des Magischen wird mit dem unausweichlichen Niedergang eines leblosen Rationalismus und einem Freiheitsbegriff, der nur noch Terminus und nicht mehr Idee ist, wachsen. Ich sehe nur einen Lichtblick — weit im Osten — und mit viel Glück erleben wir durch diese Kraft einen Transfer und wahre Einsicht in die Notwendigkeiten unserer Zeit. Dem Russentum wird seit Peter dem Großen von der späten abendländischen Kultur eine Form aufgezwungen, die ihm nicht gemäß ist — auch der Bolschewismus ist nur ein westlicher Import —: Das kommende Jahrtausend wird das russische sein! Verlassen sie sich darauf: Dostojewskis christlich-russisches Zeitalter wird kommen! Die asiatischen Völker haben bei allen Verwerfungen nie ihre Religiosität aus den Augen verloren. Die Entzauberung der modernen Welt hat nicht alle Geheimnisse preisgegeben. Reck, wir brauchen die konservative Revolution, aber wie sollen wir die Entwicklung, die Fehler der letzten Jahrhunderte — ob nun begonnen mit der Renaissance, dem Enzyklopädismus oder der Französischen Revolution —, mit einer inneren geistigen Gegenbewegung aus den Angeln heben?

Adlatus:

Dostojewski: gekreuzigter Hochstapler, russophiler Jammerlappen und Chiliast … russisch-orthodoxer Pornograf, Bankrotteur … Epileptiker, besoffener Prometheus … Fettlebe, zum Tode verurteilter Kriminalschriftsteller … laut Spengler „dem Gesalbten" in St. Petersburg geboren … Genie des Verbrechens … das Abendland hat seinen Untergang verdient, es versinkt im Dreck … es steckt bis zum Hals in der beseelten russischen Scheiße …

Spengler:

Aufhören! Schweig, du Insekt! In Moskau natürlich! Er ist in Moskau geboren! Das war ein Druckfehler, wahrscheinlich mit Absicht ins Buch geschmuggelt, um meinem Werk zu schaden … über die kleinen Fehler will man wie immer die mächtige Idee zu Fall bringen. Und dieser elende Eckensteher und geistige Obdachlose posaunt es überall heraus. Man sollte ihn erschießen und von seiner Dummheit erlösen.

Reck:

Spengler, sie bellen schon wieder wie die SS-Neandertaler!

Spengler:

Ja, Reck, leider. Sie sagen es, sie haben recht. Ich bin verzweifelt. Wo ist Schmid? Ich kann seinen Verlust nicht überwinden. Über zwei Jahre sind nun schon vergangen, seit diese Vorsteherhunde von unserem Oberförster von der Leine gelassen wurden, um ihre eigene Brut zu vernichten. Und meinen Freund Willi Schmid, einen Mann der Musik, haben sie gleich mit erledigt. Habe ich ihnen je erzählt, unter welch absurden Umständen er zu Tode kam?

Adlatus:

Ja doch, ja! Aber Röhms Ende war nicht ohne Komik. Hitler brüllt seinen Duzfreund an: „Du bist verhaftet!" und Röhm: „Heil Hitler!" Hat sich vor seiner Erschießung noch über den miserablen Gefängniscafé beschwert und dann mal wieder das Hemd geöffnet. Wirkte sonst nicht immer so humorvoll …

Reck:

Lassen sie hören, Spengler.

Spengler:

Diese Rotte war offensichtlich auf der Suche nach dem SA-Führer Wilhelm Schmidt, und aufgrund einer Verwechslung wurde der Willi erschossen. Später habe ich erfahren, dass einfach das Telefonbuch aufgeschlagen und nach der Methode „Sicher ist sicher" erst ein paar Namensvetter um die Ecke gebracht wurden, bis man den Richtigen erwischt hatte. Stellen sie sich vor!

Reck:

Bis zu Carl Schmitt sind sie jedenfalls nicht vorgedrungen … ich gebe ihnen zu, nicht eben dezent, das Ganze.


Szene C, I — 16. Februar 1945

KZ Dachau

(Reck liegt mit Flecktyphus in der Krankenbaracke im Sterben. Er imaginisiert im Fieber Szenen und Ereignisse der letzten Jahre. Er ist bei klarem Verstand und wechselt zwischen Erinnerungsbildern und Reflexionen.)

Reck:

Da lieg, du Saujud! Das sanfte Gesicht zu einer Grimasse verzogen — wie ist noch der Name von dem Bub gewesen? Ein Bub aus der Nachbarschaft war's. Ich seh ihn noch wie jetzt, die Wut in seinem Lausejungengesicht. Ich kann sehen, wie er in das leere Klassenzimmer kommt. Keiner beobachtet ihn, denkt er. Aus dem Nichts heraus beginnt er seinen Angriff. Aber es ist ja niemand da — auf wen will er denn los? Er ist der Stärkere, stärker als niemand. Also rennt er los, die Fratze mit weit geöffneten Augen, nur noch das Weiße in seinen Augen blitzt. So stürmt er auf die Stirnseite des Klassenzimmers zu. Dann begreif ich, was er vorhat; seh, wonach er greifen will und was ihm das Aug so weiß macht, und ich denk noch: Das tut er nicht! Aber schon ist die Sache erledigt. Das Symbol, auf dem unsere Dome gebaut, auf dem die tönernen Säulenhallen der Matthäuspassion fußen — von der Wand gerissen und auf die Straße geschleudert, im hohen Bogen — das Kruzifix. Da lieg, du Saujud! — Dem Schulmeister wird's gefallen. Aber da war's ja schon zu spät, da war die Exkrementalvisage ja schon der neue Götze und der Morast das sichere Pflaster. Ein Götze, dessen teigig-sulzige und verschlackte Physiognomie zum sittlichen Abbild eines ganzen Volkes geworden ist: krank, albtraumhaft, paranoid … Block 25, Fleckfieber — nein, Faulfieber ist besser. Wo bleibt nur Rost? Er muss mich rausholen … hier werden doch Ärzte gebraucht … Ein Volk, das seinen Verstand, seinen Glauben und jeden Widerstand aufgegeben hat. Ja, seinen Glauben. Ich hab all das nicht mehr, ich bin es satt! …

Die Weiber von Berchtesgaden vor 10 Jahren. Ich muss immer daran denken, wie kann man es auch vergessen … soll man lachen, wenn man sieht, was nicht zu glauben ist. Wenn man sieht, wie dieser makrobiotische Dschingis-Khan bei einem Besuch in den bayerischen Bergen einen hysterischen Massenauflauf verursacht. Aber nicht nur, dass die Damen und Herren in ihrer Verzückung zu dumm sind, ein Loch in den Schnee zu pissen. Nein, es kommt noch besser! Die Weiber, die diesem dümmsten König Midas aller Zeiten Spalier stehen und um den Verstand gebracht sind, stürzen sich, kaum dass er an ihnen vorbei ist, auf den Boden und sammeln all das Geschmeide auf, das er hat fallen lassen, und stecken es sich in den Mund. Nur, es waren gar keine Edelsteine, kein Gold, und nichts ist zu Boden gefallen. Ich hab's gesehen, wie sie sich den Kies, auf den dieser Jauchebaron gerade seinen Fuß gesetzt hat, wirklich in den Mund getan und anschließend verschluckt — ach was —, vor lauter Glück gefressen haben sie den Kies, vor 10 Jahren. Das waren noch Zeiten, und jetzt? — Jetzt lieg ich hier in Dachau, in einem Läuseblock, und geh unter mit all dem Getier an meinem Körper, dem Getier in Uniform und dem, was hier sonst noch kriecht. So geht eben das Abendland unter, das nur noch aus einer Million Läusen besteht … Pfirsiche, alles riecht nach der Blausäure von Pfirsichkernen, und alles schmeckt nach Dunkelheit … Den Pfirsichbaum in meinem Garten, werd ich den noch einmal sehen? Wie schön hat's geblüht im Mai 36. Wie ich spät am Abend zum Spengler geh, nur Tage vor seinem Tod. Er isst und trinkt zu viel, wie immer. Der Schmerz ist ihm anzusehen, es wird nicht mehr lang gehen mit ihm. Bramarbasierend, wie so oft, ungnädig gestimmt. Wir sprechen über die „Nacht der langen Messer", wo er seinen Freund Wilhelm Schmid verloren hat. Die Umstände seiner Ermordung haben den einsamen Spengler aller Kräfte beraubt, es ist nur noch ein mattes Auflodern in ihm … er erlischt einfach, erkaltet langsam wie der Brandring einer abgelegten Zigarre. Ich versuche ihn noch mit einer wahren Räuberpistole aufzumuntern und die allgemeine Niedertracht ein wenig vergessen zu lassen. Ich erzähl ihm davon an diesem Abend bei der Verabschiedung, wie Hitler, umringt von seinen Prätorianern, mit unbändiger Mordlust in der Blutnacht vom Tegernsee den Helden gibt. Der kann aber gar nicht fassen, dass im Angesicht einer tödlichen Bedrohung jemand Courage hat, auch gegen ihn, den Primas der Aufrechten. Dass es ausgerechnet der üble Geselle und Lustknabe von Röhm, der Sadist Heines ist, Heines, ja so hieß der … Also, der Heines im Bett mit einem armen Schwein wird von ein paar Männern aus dem Akt gezerrt und nutzt den Interruptus, um sich den Weg freizuschießen. Rennt nackt mit seinem Revolver im Haus herum und zwingt den ebenfalls bewaffneten Hitler in die Flucht. Grad noch kann der sich auf den Dachboden retten und eine Eisentür zwischen sich und den höchst undekorierten SA-Heines bringen. Da hat der Spengler sein sardonisches Lachen noch einmal donnern lassen und mir Lebewohl gewünscht. So hat dann also die strategisch-militärische Karriere des größten Feldherrn aller Zeiten ihren Ausgang genommen … In der Varusschlacht wurden die Römer besiegt, im Hotel Hanselbauer der Röhm — so werden ihre Sänger sich nicht schämen zu singen. Und ich weiß noch, wie ich den Hitler mal in der Osteria Bavaria gesehen hab. Die Pistole in der Tasche, so unsicher wie die Straßen sind, 32 im Herbst. Da sitzt er, ohne Leibwächter, Faschingsornat und Lametta. Ein monströser Haufen beleidigtes Emporkommen. Unwohl ist's ihm, weil sie ihn behandeln wie jeden anderen Gast und Menschen schauen auf ihn von gleich zu gleich … Das wär was gewesen, zur Nachspeise dem Unappetitlichen den Garaus zu machen. Jetzt lieg ich hier, der Spengler ist schon lange tot, der hat ja alles gewusst und wollt nicht mehr.

Reck (Forts.):

Aber gewusst haben es auch die anderen, die Gegangenen. Nichts genutzt hat das Vergraben, das Dahinvegetieren in diesem Schattenreich, sinnlos die Illegalität. Sie sind mir davongelaufen und fehlen. Ihre Stimmen aus dem Äther, daherwehend über die Tiefen des Atlantiks, malen weiter am Fresko des Verlusts. Des Verlusts der gemeinsamen Sprache. Wir haben ausgeharrt in der Hölle dieses gaukelnden Diabolus, und sie sind den Weg der Moderne und der geschmierten Apparaturen der Zivilisation gegangen. Auf den trügerischen Pfaden der schleichenden Entgötterung. Seid gewiss, ich fiebere, bin aber nicht fiebernd. Ich bin kein Chiliast, glaube nicht an das ewige Reich des Guten und der Tugend, so wie es das Christentum eines Dostojewski prophezeit hat. Im Gegenteil: Wir steuern seit 400 Jahren auf die Katastrophe, auf eine Welt ohne Götter zu. Auf eine Welt, in der die Verniggerung der Massen, der zufällig weiß gebliebenen Sklaven des Technischen und vermeintlich Fortschrittlichen, an ihrer eigenen Zwecklosigkeit scheitern und jämmerlich bankrottgehen wird. Aber wird es gelingen, dies nur als einen von vielen Weltbränden zu erkennen und mit einer gemeinsamen Sprache und einem Sinn für die Götter das Verlorene und Geraubte zurückzuerobern? Ihr seid zu weit weg, und ich bin zu schwach … Faulfieber. Aber unser kleines Martyrium des Widerstandes wird nicht umsonst gewesen sein, für die Wiedergeburt des Geistes. Seid ihr noch dabei, könnt ihr Gegangenen noch in die gleiche Welt eintreten? Die Hölle hat sich nicht umsonst aufgetan vor unseren Augen, und wer sie einmal gesehen hat, findet den Weg nicht mehr zu irdischen Symposien zurück. Da lieg, du Saujunker! Da lieg!


Szene C, II — 20. März 1938

Gutshof Poing

(Hundegebell. Schaufelgeräusche. Im Hintergrund leise die Matthäuspassion von Bach, die langsam übertönt wird von der Musik und dem Gesang des Lumpenpack-Songs. Reck monologisiert im Folgenden.)

Reck:

Bald Ostern. Österreich also. Die Berliner Kartoffelgesichter in Wien. Diesen Dreck, den sie für ihr überlegenes Kulturgut halten, grölen sie den alten Habsburgern unter der Regie des hinkenden Wortwarenschacherers, stinkend, mit ihren Meträssen entgegen. In den Wochenschauen werden sie uns dann in ihrer Besoffenheit, zusammen mit Scharen hirnversehrter Österreicher, deren es leider auch nicht wenige gibt, als die „Heim-ins-Reich-Völkischen" vorgelogen. Während ich diese Zeilen niederschreibe, kämpft der Schlusschor der Matthäuspassion im Radio gegen die dröhnenden Bombengeschwader des fetten Koksers aus Berlin um die Vorherrschaft über Gut Poing — meinen Hof, meinen Luftraum, meinen Hass. Meine Flüche werden sie auf Generationen verfolgen. Ich hasse dieses von einem Untier hingesudelte Deutschland, weil ich es liebe. Und ich weiß, dass das, was dort oben donnert, die Verleugnung von Recht und Gesetz, von Treu und Glauben und allem ist, was das Leben ausmacht — was sich Leben nennen darf. Kürzlich stockte meinem Vetter L. der Atem, als meine Augen nicht vor Glanz erstrahlen wollten, nur weil ein emporgekommener Schweinehirt die letzte verarmte Tochter eines alten Adels mit Gewalt genommen und sich dann die geraubten Wappen und Wamsknöpfe aufpolieren lässt. Stattdessen erreichen mich immer wieder Berichte von kleineren Truppenteilen, die sich noch mutig zur Wehr setzen, aber leider auch von solchen, die sich selbst vor lauter Schmach und von Kanzler Schuschnigg alleingelassen in ihre Bajonette stürzen. Das ganze Drama spielt sich unter den zugekniffenen Augen Englands und Frankreichs ab. Eine Schande und ein Wahnsinn, den sie noch bereuen werden. Wir werden sie daran erinnern, wenn sie uns vorwerfen, warum wir dem Pferdedieb nicht die Zügel beizeiten aus der Hand geschlagen haben. Warum wir uns nicht gewehrt haben. Wir sollen gegen seine Gewehre anrennen, wo sie doch genau wissen, dass er seine Armee zum Krieg rüstet und sich mit jedem Einbruchsdiebstahl noch mehr Waffen für seine Beutezüge beschafft. Noch vor ein paar Jahren hätte man ihn und seine Schmieresteher aus Industrie und Militär einfach festnehmen können — wie mit Schaufeln und Spitzhacke bewaffnete Grabräuber. Ich stelle die Frage schon jetzt und sehe den Tag kommen, wo ich sie nach dem unvermeidbaren Zweiten Weltkrieg zum zweiten Mal stellen werde. Noch immer jault der Himmel unter diesen Flugautomaten, bedient von den weißen Niggern der Gewalt und der Dummheit, und ich rase vor Wut … die Trauer treibt mich wieder hinaus in meine Wälder, wo ich die Kladde vergrabe, und von Weitem noch klingt im Gehölz der blecherne Klang des Schlusschors aus dem Radio … „Wir setzen uns in Tränen nieder" …


Szene B, II — Juli 1938

Gutshof Poing

(Reck und Clemens von Frankenstein sitzen im Garten. Morgengrauen. Gelächter. Im Radio die Übertragung von Schmelings Niederlage in der ersten Runde in New York gegen Joe Louis.)

Reck:

Da wird der Zwergmünchhausen aber reichlich zu tun haben, um den Reichspreisboxer und Botschafter ihrer Glorienrasse wieder als einfachen Seemannssohn in den Wogen des Vergessens zu versenken.

Frankenstein:

Als Dirigent habe ich ja durchaus Sinn für spektakuläre Dramaturgien. Aber in knapp 3 Minuten kann man keine Geschichte erzählen, kann man nicht über die ersten Takte einer Ouvertüre hinauskommen. Das war eine Vernichtung des Beginns, und wir werden noch weiterhin sehen, welche Götter nun das deutsche Volk anzubeten hat. Sportlich wird es nicht dabei zugehen.

Reck:

Wenn man Visionen hätte, könnte man, aber ohne Abstriche, eine Arie des Untergangs, der uns noch bevorsteht, eine Sinfonie der Vernichtung, ein Menetekel des Absturzes darin erkennen. Die „Braunen Bomber" werden uns noch auf die Köpfe fallen, sage ich ihnen — jedem einzelnen von uns! Seien es amerikanische oder die unseren — wir werden sehen.

Frankenstein:

Ihre Visionen, mein lieber Reck, haben leider nichts Krankes an sich, sondern sind janusköpfige apokalyptische Ahnungen. Dennoch weigere ich mich noch, ihnen bis zum Letzten zu folgen. Es wird schlimm kommen, schlimmer als es ist. Aber dennoch hoffe ich auf den Augenblick, wo die Menschen zur Besinnung kommen und die Barbarei abschütteln. Es kann doch nicht wahr sein, dass ein alter Philosoph recht hat mit der Zote, dass die Mutter der Dummen immer schwanger ist.


Szene B, III — 20. April 1939

Wohnung Hans Albers, Berlin Tiergarten

Albers:

Mensch Reck, Sie alter Wüterich. Kommse rein, willkommen im Feindesland. Doller Tag heute, was? Hamse Handgranaten dabei? Na, trinken wir erst mal etwas Zielwasser, kommense. Reines Dynamit, der Cognac, sag ich ihnen. Wie geht's der Heimat? Ich vermisse ja die bayerische Luft gewaltig, den Starnberger See, kann den Muff hier nicht mehr ertragen. Erstickt man ja fast — ist nur die Arbeit vor.

Reck:

Hier riecht es nach Krieg.

Albers:

Ja, wie denn auch. Gehnse mal in die Kneipen. Tanz auf dem Vulkan. Die Herren sitzen da, schaufeln ihren Begleiterinnen Eiswürfel in den Ausschnitt und holen sie dann unter allgemeinem Gegröl wieder aus diesen grausigen Untiefen. Anschließend wird im Zuhälterjargon weiter gepöbelt. Das muss ja nun meine Mutter nicht mehr erleben. Weiß Gott, sie hat gekämpft — aber so isses besser. Ende, aus. Schwamm drüber. — Wer weiß schon, was mir noch so blüht, welchen Mist ich hier noch für Gold verkaufen muss. Tja, das Leben meistert man lächelnd oder gar nicht …

Reck:

Heute ist ja ganz Berlin im Rausch der Geburtstagsepiphanie für den ehemaligen Meldegänger und Kompanietrottel. Hören sie das Geschrei dort unten auf den Straßen?

Albers:

Gehen wir auf den Balkon und lassen den Wind von den norddeutschen Küsten bis in die bayerischen Berge wehen. Man kann sich doch nicht einsperren lassen von den Viechern. Kann doch nicht alles gegen die Natur sein …

Reck:

Ja, es wäre doch zu schön, wenn man den Stall mit einem großen Sturm ausmisten könnte. Haben sie noch etwas von dem flüssigen französischen Dynamit? Sehen sie, Albers, alles überflutet mit Obersturm-, Sturm-, Tornado- und Orkanführern. Die sind wetterfest. Da ist erst mal nichts zu machen.

Albers:

Warten sie, ich hol das Glas …

Reck:

Geben sie mal her. Da sehen sie, da hinten: Er steht da wie ein Straßenbahnschaffner. Kein Glanz, kein Leuchten, alles nur speckig und mürbe. Das Stigma der sexuellen Insuffizienz. Der Groll eines Halbmannes, der seine Wut über seinen Zustand im Brutalisieren anderer auslebt. Und der Irrsinn zieht jubelnd an ihm vorbei und lässt ihn hoch leben.

Albers:

In dem Zusammenhang fällt mir etwas ein. Kennen sie eigentlich die Geschichte mit Frölich? Hat mir neulich der Jannings erzählt …

Reck:

Sie meinen die Trachtprügel, die er dem Goebbels verpasst hat, wegen der Barowa?

Albers:

Nee, also ja — so weit bekannt. War aber alles viel doller. Jedenfalls anders, leider! Er kommt also mit dem Jannings von einer Festivität nach Hause und entdeckt im Wagen vor der Tür den Schreihals in coitus actu mit seiner Frau, der Barowa. Frölich verordnet der ein paar Ohrfeigen, die sich gewaschen haben, und bedankt sich bei Goebbels für die Enttarnung der Kokotte. Der Minister, peinlich berührt und seine Kluft ordnend, sucht das Weite … Aber schließlich ist der Wunsch der Vater des Gedankens, und so hat sich die Mär vom Verprügelten gehalten …

Reck:

Dann versteht sich auch, warum der Schlager „Ich möchte einmal fröhlich sein" — ganz im Gedenken an den Reichspornografieminister — sich so hartnäckig als Gassenhauer hält. Sehen sie, Albers, so geht es zu bei den Herren Erneuerern des Deutschtums …

Albers:

Na, Reck, jetzt blasen se mal nich so Trübsal. Sie sehn ja, ein paar Leutchen finden immer nen Weg, die Niedertracht bloßzustellen.


Szene C, III — 16. Februar 1945

KZ Dachau

(Reck im Fieber. Weiterhin im inneren Monolog.)

Reck:

Ja, und dann, der 1. September 39 — Polen. Aus allen Lautsprechern schreit der machttrunkene Schizophrene sich die Blutlunge aus dem Hals, die Redakteure rasen blutrünstig über das schöne weiße Papier, in das der deutsche Wald sich verwandeln muss. Ich treffe unseren Dorfschmied, wir drücken uns wortlos und fest die Hand. In unseren Blicken spiegelt sich der Hass auf den Verbrecher, und ich denke das, was mich all die Jahre aufrechterhalten hat: an die Gewissheit, dass er mit dem heutigen Tag sein Todesurteil unterschrieben hat. Ich hasse dich, und werd ich zur Hölle fahren mit meinem Hass, so werd ich dich mit in den Abgrund reißen. In einen Abgrund, in dem du dann mit all deinen falschen Hohepriestern und deiner Germanenwirtschaft schmoren wirst. Mit einem Wotan, der als Sohn eines teutonischen Turnlehrers in einem Leipziger Vorort das Licht der Welt erblickt hat, und einer Edda, die sich eines Tages noch als Bastard eines Gymnasialprofessors aus Schkeuditz erweisen wird. Verlogene Betrunkenheit, die mit einem noch nie dagewesenen Katzenjammer enden wird. Mir schwindelt — fallen wir? Methomanie? Ah, Luft … Luft! Wo bleibt nur Rost? Er muss mich rausholen … Block 25 … Miasmagruft. Tempel des Siechtums … Ja, Tempel. Clé … Clé, weißt du noch? Stefan George. Du hast seine Gedichte vertont … und dann das Absurde. Sitzt, umgeben von Kandelabern, auf seinem Thron und examiniert mich zu Aristoteles … kurz darauf sitzt er im Wartesaal 2. Klasse und stopft fett spritzend und mit pöbelhaftem Appetit Kassler Rippchen in das fürstliche Nichts. Clé, weißt du's noch, warum bist du schon gegangen? Pfitzner — die Übelkrähe der deutschen Musik und Lautmaler des eigenen Geniekultes. Der müde alte Mann einer großen Zeit macht eine Südamerikatournee, melden die Zeitungen und veröffentlichen ein Bulletin: „Das Befinden der Giftschlange ist den Umständen gemäß ernst." Sie hatte zuvor Pfitzner gebissen … Zu viel Verdi auf deutschen Bühnen, zu wenig Pfitzner — tobt Pfitzner. Clé, das ging auch gegen dich. Da erhebt sich 34 im Stadtrat Herr Christian Weber — Hätschelkind Hitlers — beklagt die Zustände und fordert die Absetzung des Generalintendanten Clemens von Franckensteins als eines Hauptverantwortlichen. Weber! — Wir hören noch von ihm. Qualifiziert durch seine frühere Tätigkeit als Rausschmeißer in einem Münchner Lucky-Lokal, vorbestraft wegen Zuhälterei und Besitzer eines gutgehenden Hurenhauses in der Senefelderstraße, wohnhaft nun in den Papstgemächern der Residenz …

Frankenstein:

Friedrich! … Reck! …

Reck:

Aus dem Grauen des Veronals … Clé? Clé?

Frankenstein:

Reck … wir haben …

Sprecher:

Euer Hochwohlgeboren — Herr Thomas Mann hat das Wagner-Jahr dazu benützt, um in einem zu Amsterdam gehaltenen Vortrag ein deutsches Genie, den größten Musikdramatiker aller Zeiten, zu verunglimpfen. […] Bayern und München sind stolz auf den positiven Teil ihrer Beziehungen zu Richard Wagner, den sie König Ludwig II. verdanken. Was geschehen kann, um die negativen Seiten dieser Beziehungen auszugleichen, wird von der Münchener Wagner-Pflege, die zu betreuen derzeit ich die große Ehre habe, mit heißem Bemühen seit Jahr und Tag getan.

Sprecher:

Der Aufruf Knappertsbuschs ist erfolgreich. Die „Kundgebung" findet eine breite Basis. Etwa fünfzig Persönlichkeiten des gesellschaftlich und politisch relevanten Münchens unterzeichnen. Am Ostersonntag, 16. April, erfährt Thomas Mann hiervon und notiert in sein Tagebuch: „Schauriger, deprimierender und erregender Eindruck von dem reduzierten, verwilderten und gemeinbedrohlichen Geisteszustand in Deutschland." Er sieht darin „einen Akt mörderischer Denunziation". Als er das „hundsföttische Dokument", wie er die Osterausgabe der Münchner Neuesten Nachrichten nennt, gelesen hat, notiert er: „Choc von Ekel und Grauen, durch den der Tag sein Gepräge erhält. Entschiedene Befestigung des Entschlusses, nicht nach München zurückzukehren."

Franckenstein:

… wir haben uns gemein gemacht mit Leuten, die uns und alles um uns herum vernichtet haben. Pfitzner, der Thomas Mann so viel verdankt, oder Gulbranson — ein Freund der Familie. Von Amann war nichts anderes zu erwarten. Wer „Mein Kampf" und den „Völkischen Beobachter" verlegt, hat nicht lang überlegt. Knappertsbusch, voller Ressentiments und eifersüchtig auf den Juden Bruno Walter, der in der Staatsoper die Münchener Wagner-Tradition pflegen durfte. Zudem unterlief ihm ausgerechnet während einer „Siegfried"-Aufführung die Peinlichkeit, dass ihm nach einer besonders eifrigen Volte sein Taktstock entglitt und dieser im Publikum, direkt vor den Kindern von Thomas Mann, zu liegen kam. Einen Mann von seiner Souveränität kann das zum Untier werden lassen. Aber ich? Welch eine Dummheit; habe ich angesichts der Infamie dieser Invektive tatsächlich geglaubt, ein Mittun bei dieser Schweinerei von lauter Schweinen rette meine Existenz? Ich hätte von denen was zu erwarten? Jetzt heulen sie vor Glück und fordern gar die Erpressungshaft von Klaus Mann, weil sein Vater klug genug war, ihnen zu entwischen … Vernichtung … Untergrund … Bunkerexistenz … Schweineexistenz … Mittuerexistenz … Wegguckerexistenz …

Reck:

Läuseexistenz … Schädlinge und Ungeziefer haben sie sie sie genannt, und an Ungeziefern gehen nun wir zugrunde. Die Nemesis greift nach der Stille. Da ist keine Musik mehr … Jericho … Clé … ah ja … ja.

Theater

Rap-Opera

Pauline und Paul

„Pauline und Paul" ist eine musikpädagogische Rap-Opera, die Markus Orschiedt in Kooperation mit Olivier Rakotovao und anderen Musikern verfasst hat.

Musiktheater Uraufführung 2027, Berlin

Gewalt – Zwischen Wahrheit und Täuschung

Diese Musiktheater-Produktion hat Markus Orschiedt zusammen mit Olivier Rakotovao geschrieben. Das Stück oszilliert um die vielfältigen Formen der Gewaltkomplexe. Insbesondere solche, die das Leben von Schülern, aber auch Erwachsenen bestimmen. Cyber-Mobbing, Deep Fakes, Cyber- und KI-Crime.

Musikproduktion

DVD Release 2006
„Berge des Wahnsinns"

In einer fulminanten und gefeierten Weltpremiere am 18. August 2005 in der arena Berlin zeigten The Tiger Lillies unter der Regie der Berliner Kunst- und Musikszene-Lieblinge, Danielle de Picciotto & Alexander Hacke, das Ergebnis monatelanger Auseinandersetzung mit den skurrilen Geschichten H.P. Lovecrafts. Die kultigen Geschichten der uralten Gottheiten und verlorener Seelen werden in dieser musikalischen Inszenierung auf dunkle, humorvolle, wie auch überirdisch melancholische und traumhaft fantastische Weise zum Leben erweckt.

Neue Nationalgalerie – Salon Noir

„BERGE DES WAHNSINNS"
Eine musikalische Inszenierung von Alexander Hacke, Danielle de Picciotto und The Tiger Lillies

Eine Produktion der arena Berlin.

Die DVD ist erhältlich im Vertrieb und bei amazon.


Zur DVD

Aus diesem grandiosen Abend ist eine kinotaugliche DVD entstanden, die sowohl künstlerisch überzeugt, als auch mit modernstem 5.1 Sound aufwartet. Als Partner konnten Andreas Schwarz und Markus Orschiedt, sowie die Berliner Produktionsfirma Ministry of Information gewonnen werden, die u.a. bereits für Rammstein ihr Können unter Beweis stellte.

Im Rahmen der Ausstellung „Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst." in der Neuen Nationalgalerie wird die DVD am 24.2.06 der Öffentlichkeit erstmals vorgestellt.

Nach der DVD-Vorführung wird an diesem Abend Alexander Hacke Live-Soundscapes performen und zusammen mit Andreas 500 Texte von H.P. Lovecraft lesen. Für optischen Furor sorgen die Natura Morte-Projektionen von Danielle de Picciotto, ehe die Nacht im Salon Noir ausgelassen-melancholisch, von DJ Hacke begleitet, in andere Dimensionen vorstößt.

Der Abend stellt auch den inoffiziellen Beginn der Europa-Tour von „Berge des Wahnsinns" dar, deren offizieller Start am Ort des Verbrechens, der arena Berlin, am 14./15.4.06 sein wird.

Zur Inszenierung

Die eindringliche Falsett-Stimme von Tiger-Lillies-Sänger Martyn Jaques – die singende Säge – sowie das Klavier und der Stehbass des Trios werden von Alexander Hacke mit elektronischen Soundscapes umrankt – eine gänzlich neue Erfahrung für die Tiger Lillies, die noch nie von elektronischen Instrumenten begleitet wurden. Die Mischung der nostalgisch anmutenden Instrumente der Tiger Lillies mit den Klangkompositionen von Alexander Hacke verleiht der Aufführung eine dreidimensionale Tiefe, in die sich der neugierige Besucher genüsslich fallen lassen kann.

Die Protagonisten

H. P. Lovecraft, am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island geboren, war als Autor zu Lebzeiten kaum bekannt, hat heute jedoch den posthumen Ruhm als Meister des Makabren und gehört zu den bedeutendsten Klassikern der unheimlichen Literatur.

Diesem Meister widmen sich der Musiker Alexander Hacke, bekannt als Bassist der Einstürzenden Neubauten, zuletzt in Fatih Akims neuestem Film „Crossing the Bridge" als Hauptdarsteller zu sehen, und die englische Band The Tiger Lillies – direkt aus N.Y., wo sie ihre legendäre „Struwwelpeter"-Inszenierung mit riesigem Erfolg auf dem Broadway präsentierten.

Das Londoner Trio The Tiger Lillies ist die Inkarnation des schwarzen Britischen Humors, des dunkel leuchtenden Sounds eines Tom Waits und den schaurig-bizarren Sehnsüchten brechtscher Antihelden. Die Musik der Tiger Lillies ist eine verblüffende Melange aus Varieté, Oper und Zigeunermusik.

Für das Bühnenbild zeichnete die Künstlerin Danielle de Picciotto „Natura-Morte"-Stillleben, die mit ihren teils absichtlich altmodischen, teils modernen Stilelementen, auf expressive Weise die skurrilen Texte verdeutlichen.

Pressestimmen zur Welturaufführung am 18. August 2005

„Die kongeniale Vertonung von Alexander Hacke (Einstürzende Neubauten) und den ‚Tiger Lillies', zwischen Monster-Grafiken von Danielle de Picciotto gruselig in Szene gesetzt, verwandelten Schrecken in Harmonien und das Inferno in Musik. Elektro-Soundmaster Hacke hielt sich zurück, setzte eher auf unterschwelliges Dräuen denn auf donnernde Effekte. Alles rankte sich um die unvergleichliche Falsett-Stimme von ‚Tiger-Lillies'-Frontmann Martyn Jacques, Instrumente wie Ziehharmonika und Harmonium gab dem Ganzen einen altertümlichen Charme."
BZ, Ulrike Ruppel, 20.08.2005

„Zehn makabre Stories von Lovecraft werden zu wunderlich schönen Songs, kunstvoll inszeniert illustriert von Danielle de Picciotto (…). Songs von Ratten, Geistern, umherirrenden Seelen und vom kannibalischen ‚Butcher'. Dazu Hämmern, Sägen, Häckseln. Brecht und Weill winken von Ferne, Tom Waits aus der Nähe. Ganz dicht dran bejubelt das Publikum eine hinreißende Vorstellung."
Tagesspiegel, H.P. Daniels, 20.08.2005

„Was Einstürzende Neubauten-Bassist Alexander Hacke und das Londoner Kult-Trio The Tiger Lillies da in der arena zur Welturaufführung bringen, ist allerfeinste Konzeptkonzept: Basierend auf zehn Geschichten von Howard Philipps Lovecraft, dem Horrorklassiker des vergangenen Jahrhunderts, erschaffen die vier mit ‚Berge des Wahnsinns' einen bildgewaltigen, musikalischen Kosmos, der furchtlos mit dem Unbewussten, mit Angst und Schrecken spielt. (…) Wie da ‚The Cult of Cthulhu', Lovecrafts Alpha-Monster, der kannibalische ‚Butcher' oder schimärische Geister geradezu sardonisch beschworen werden, verlockend, gellend – das sucht seinesgleichen."
Berliner Morgenpost, Ulrike Borowczyk, 20.08.2005

„Auf der Spur von Lovecrafts untoten Kreaturen geben die Tiger Lillies und Soundtüftler Hacke dem Horror jene physische Greifbarkeit zurück, den er vor seiner Transformation ins Virtuelle einst besaß."
TIP, Wolf Kampmann, Heft Nr. 17/2005